Für Red Bull Flying Bach haben die Flying Steps einen ECHO Klassik-Sonderpreis erhalten. Bis heute ist Vartan Bassil, Gründer und Mitglied der vierfachen Weltmeister-Crew, darüber überrascht. Im Interview spricht er über den Reiz der klassischen Musik, die Erfindung eines neuen Tanzstils und die Nervosität vor dem Publikum.
Fü̈r Red Bull Flying Bach hast Du eng mit Operndirigent Christoph Hagel zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?
Wir hatten Christoph Hagel bereits vor Red Bull Flying Bach kennengelernt – damals sollten die Flying Steps in einer seiner Produktionen mitwirken, die dann nicht zu Stande kam. Wir erzählten ihm, dass wir schon immer davon geträumt haben, eine eigene große Produktion auf die Beine zu stellen. Die Idee, dafür Bach zu nehmen, kam dann von ihm. Nach einer ersten Tanzprobe zum „Wohltemperierten Klavier“ war klar, dass wir zusammenarbeiten wollten.
Was hat Dich an dieser Kombination aus Hip-Hop und klassischer Musik gereizt?
Für uns Tänzer ist es eine große Herausforderung, etwas zu Klassik zu produzieren. Bei Hip-Hop orientieren wir uns an den Beats. Bei Bach müssen wir auch ruhige Klänge in Körperbewegungen umsetzen und mit unserem Tanzstil die Stimmung des Stückes wiedergeben.
Wie unterscheidet sich Red Bull Flying Bach von bisherigen Versuchen, klassische Musik in Breakdance umzusetzen?
Bei früheren Versuchen, diese beiden Welten zusammenzubringen, haben die Breakdancer lediglich Akzente zur Musik gesetzt. Bei Red Bull Flying Bach aber arbeiten wir mit den einzelnen Stimmen: Das heißt, einem Tänzer wird etwa die hohe Stimme, einem zweiten die mittlere Lage und einem dritten die Bass-Stimme zugeteilt. So verkörpern wir eine Fuge Bachs aus ihrem inneren Aufbau heraus.
Hast du dich durch dieses Projekt zum ersten Mal mit klassischer Musik beschäftigt?
Den Wunsch, klassische Musik und Breakdance miteinander zu verbinden, hatten wir schon länger. Aber erst durch Christoph Hagel haben wir gelernt, die Noten nicht nur zu verkörpern, sondern auch zu lesen. Den Aufbau der Musik zu verstehen. Wir können inzwischen die verschiedenen Stimmen und den Kontrapunkt vom Blatt weg tanzen.
Was war die größte Herausforderung bei der Umsetzung des Stückes?
Beim Breakdance gibt es vier Schritte, die nach bestimmten Takten gebaut sind. In der Klassik wird aber anders gezählt. Wir mussten dementsprechend auch die Tanzschritte abändern. Außerdem spielt in diesem Kontext das schauspielerische Element eine größere Rolle. Beim Breakdance steht eher die Technik und Akrobatik im Vordergrund, die Kombination der einzelnen Moves. Für Red Bull Flying Bach aber wollten wir auch die Emotionen der Musik im Tanz darstellen. Wir haben sehr lange an einer entsprechenden Storyline gearbeitet.
Du hast für das Stück einen neuen Tanzstil erfunden?
Das wäre vielleicht zu weit gegriffen. Wir haben viele Tanzstile miteinander gemischt: Das geht vom klassischen Breakdance über Popping, Locking, House, Krumping bis zu einigen Modern Dance-Elementen. Das kann auf Betrachter wie ein ganz neuer Tanzstil wirken.
Im April 2010 fand die Premiere von Red Bull Flying Bach in Berlin statt. Wie war das damals?
Ich erinnere mich noch gut, wie nervös wir waren. Wir wussten, dass wir gut sein werden, dass wir etwas Einmaliges geschaffen haben. Wir standen schon auf vielen Battles und Bühnen, aber wir waren uns nicht sicher, ob die Zuschauer unsere Message verstehen, ob sie es mögen oder nicht. Zum Glück waren alle begeistert. Die Resonanz war fantastisch.
Warst du überrascht, als du 2010 mit einem ECHO Klassik-Sonderpreis, einem der weltweit begehrtesten Preise für klassische Musik ausgezeichnet wurden?
Wir dachten uns: „Ist das ihr Ernst?“ Erst nach zwei, drei Wochen wurde uns klar, was wir mit Red Bull Flying Bach erreicht hatten. Als Breakdance-Crew haben wir immer einen Pop-ECHO angestrebt. Aber hey, jetzt haben wir diesen Preis, von dem keiner von uns jemals geträumt hätte. Wir fühlen uns extrem geehrt.
Was willst du letztendlich mit Red Bull Flying Bach erreichen?
Wir möchten den Zuschauern verdeutlichen: Breakdance ist mehr als ein Sport oder eine Straßenkultur. Wir möchten alle Zuschauer und jedes Land mit unserer Kunst faszinieren. Sie sollen Spaß haben und jede Minute der Aufführung genießen. Es ist uns wichtig, dass ein tieferes Verständnis zwischen Hochkultur und Urban Art, zwischen älteren Klassikliebhabern und jungen Leuten entsteht.
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