Jasper Felder © Andi Schaad

Jasper Felder ist das menschliche Äquivalent eines Lawinenabgangs. Bei der ersten Red Bull Crashed Ice-WM am 16. Januar in München ist der Schwede Favorit. Dabei will er dort bloß Freunde treffen. Sagt er.

Als Jasper Felder zweieinhalb Jahre alt war, beschloss er, Eislaufen zu lernen. Er verließ das Eis in den folgenden knapp 37 Jahren nur noch für Unaufschiebbares: um mit seiner Freundin zwei Söhne zu zeugen, zum Beispiel. (Der ältere ist jetzt fünf Jahre, der jüngere 15 Monate alt.) Um sich sonstwie sportlich zu betätigen. (Es gibt keinen Sport, den er nicht ausprobiert hat.) Um breakdancen zu gehen oder in einer Stockholmer Grundschule Sportunterricht zu geben.

Wirklich zu Hause ist Jasper Felder jedoch nur auf dem Eis. Die blauen Augen glitzern dann über glühenden Wangen, die auf 191 Zentimeter verteilten 92 Kilo Muskelmasse halten keinen Moment lang still, laufen hierhin, dorthin, trampeln, gestikulieren. „Ich glaube, es ist wichtig, im Inneren ein bisschen Kind zu bleiben, neugierig, abenteuerlustig, manchmal ein bisschen verrückt“, sagt er. „Viel zu wenige sind so.“

Felders kindliche Experimentierfreude hat ihn 2000 auf Red Bull Crashed Ice aufmerksam gemacht. Das Konzept dieser Veranstaltung ist von erfrischender Einfachheit: Man muss auf Eislaufschuhen schneller von A nach B gelangen als drei Mitstarter, wobei B den Nachteil hat, 60 oder 70 vereiste Höhenmeter unterhalb von A zu liegen. Die Strecke führt also haarsträubend steil bergab, ist mit Sprüngen und Schikanen behübscht und lässt in ihren schnellsten Passagen bis zu 70 km/h zu. Manche mögen das nur für die zweitbeste Art halten, ihre Freizeit zu verbringen.

Für Jasper dagegen ist es „das Geilste, was ich je im Leben gemacht habe“. Das mag auch damit zu tun haben, dass kein anderer Fahrer mit seinem Talent, seiner Furchtlosigkeit und seiner Geschicklichkeit auf zwei Kufen konkurrieren kann. Wenn sich Jasper wie eine Lawine die Bahn hinabstürzt, machen sogar die härtesten Jungs – bullige Eishockeyprofis, abgebrühte 4-Crosser – Platz vor so viel roher Urgewalt. Die Folge: Von den 14 Red Bull Crashed Ice-Events, die bisher stattfanden, gewann Jasper exakt die Hälfte.

„Das reicht auch“, sagt er, „mir ist gewinnen nicht mehr wichtig. Es macht mir genug Spaß, einfach nur dabei zu sein, Freunde zu treffen und den jüngeren Fahrern Tipps zu geben.“ Jenen zum Beispiel, vor großen Events psychologische Nebelraketen in Richtung Konkurrenz abzufeuern: Denn 2010 wird Red Bull Crashed Ice erstmals als offizielle Weltmeisterschaft ausgetragen, und natürlich ist Jasper der bis in die (schütteren) Haarwurzeln motivierte Top-Favorit auf den Titel.

Das mit dem Training ist allerdings so eine Sache. Denn außerhalb von Red Bull Crashed Ice stehen 500 Meter lange Downhill-Bahnen, konstruiert aus Tonnen von Stahl und blankem Eis, nur eingeschränkt in der Landschaft herum. Felder kämpft daher zur Vorbereitung um einen anderen WM-Titel, den im Bandy-Spielen. Der skandinavische Nationalsport ist eine Mischung aus Eishockey und Fußball und seit früher Jugend Felders Broterwerb. Wie bei Red Bull Crashed Ice braucht man auch hier Schnellkraft, Geschicklichkeit und selbstbewusste Ellbogen.

Unterschied: Beim Bandy darf man sich Fehler erlauben. Bei Red Bull Crashed Ice ist Toleranz nicht vorgesehen: „Du musst vom ersten bis zum letzten Meter des Rennens top-konzentriert sein“, sagt Jasper, der eines seiner Rennen mit angerissenem Muskel und höllischen Schmerzen gewonnen hat, „einmal glaubte ich 30 Meter vorm Ziel, den Sieg schon in der Tasche zu haben, war einen Moment unaufmerksam – und zack!, mit Tempo 50 in der Bande. Das passiert mir nicht noch mal.“


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