Alastair Siddons, Regisseur des atemberaubenden Breakdance-Films Turn It Loose über die puristische Kultur der B-Boys, Zweikämpfe in Zeitlupe und seine zwei linken Füße.
Als du begonnen hast an Turn It Loose zu arbeiten, was war es, dass du über die Welt der B-Boys erzählen wolltest?
Zunächst war es mir sehr wichtig, rüberzubringen welchen Kampf ein B-Boy zu bestehen hat. DJ Renegade aus England hat das sehr genau auf den Punkt gebracht, als er im Film gemeint hat wie hart es ist, davon zu leben. Noch härter ist es „im Geschäft“ zu bleiben – sei es aus Geldgründen, sei es weil man sich verletzt hat oder weil die Eltern bei dieser Berufswahl nicht mehr mitspielen.
Was hat dich positiv überrascht?
Was ich sehr erfreulich fand und versucht habe herauszuheben, ist die Leidenschaft der B-Boys als einziger Motor ihres Sports: Sie tun es einfach weil sie es lieben. Das gibt ihnen die Disziplin etwas Positives aus ihrem Leben zu machen, einen roten Faden, der sie davor bewahrt im Leben die falsche Abzweigungen zu nehmen; das ist tief in ihrer Kultur verwurzelt. B-Boys legen extrem viel Wert darauf, sich immer weiter zu verbessern und an sich zu arbeiten. Dass Breakdancing eine Möglichkeit für eine bessere Welt ist, das wollte ich erzählen.
Was hast du über die B-Boy-Szene gelernt?
Eine ganze Menge und doch nichts. Vor dem Dreh wusste ich zwar ein paar grundlegende Dinge, aber ich wollte auch nicht zu tief in die Begrifflichkeiten und die technischen Raffinessen eindringen. Das hätte zu viel Vorwissen vom Zuseher gefordert. Ich habe selbst jetzt noch immer Schwierigkeiten mit dem Jargon der Szene, zugleich habe ich nie aufgehört, von den B-Boys mit denen ich aufgewachsen bin zu lernen. Nicht wie man tanzt, sondern über die Einstellung mit der man die Dinge angeht – mit Fokus, Hingabe, Originalität und Drive. Und wie man sich dabei selbst treu bleibt.
Was ist für dich ein B-Boy?
Jemand, der nie aufhört, über sich hinauszuwachsen und der verdammt gut tanzen kann.
Kannst du selber breakdancen?
Ich hab’s ein-, zweimal versucht, aber sofort damit aufgehört, als ich mit den Dreharbeiten zu Turn It Loose begann. Wie zur Hölle kann man das auch nur probieren, wenn man von den weltbesten B-Boys der Welt umgeben ist!? Allerdings wurde ich letztes Jahr bei Lilous Hochzeit sprichwörtlich in den Kreis der Tänzer geschupst. Gott sei Dank dauerte das nur etwa vier Sekunden, bevor ich von jemand anderem ersetzt wurde. Ich denke, das sagt wohl genug über die Fähigkeiten meiner Tanzbeine aus (lacht). Als wir in Japan waren, sagte Taisuke zu mir: „Ich hoffe echt, dass du als Filmemacher besser bist als du tanzen kannst.“
Wie filmt man eine B-Boy-Battle am besten?
Chrigi von Partizan-Films, der beim Red Bull BC One mitfilmt, hat hier den State of the Art geschaffen. Er hat das meisterhaft vorgeführt: Eine schöne Halbtotale in Zeitlupe, die den Ablauf des Tanzes dokumentiert, ist dabei am wichtigsten. Was mich endlos fasziniert, ist der B-Boy, der gerade nicht dran ist und seinen Gegner während dessen Performance beobachtet, um ihm dann seine eigene zu entgegnen. Schließlich handelt es sich dabei um einen Zweikampf, das sollte man nicht vergessen! Dieses agieren und reagieren wollten wir festhalten, denn genau das ist die Geschichte dieses tänzerischen Kampfes. Genau darum geht’s.
Hat die Arbeit an Turn It Loose dein Leben verändert?
Klar, und in mehr als nur einer Art und Weise. Ich habe zwei Jahre lang an dem Projekt gearbeitet und bin darin voll aufgegangen. Dabei habe ich enorm viel übers Filmen und über die Welt gelernt, eben auch von den B-Boys: Wie man seine Vision im Auge behält und wie man etwas aus dem Nichts heraus schafft, solang man nur den Willen dazu hat. Turn It Loose hat mir mehr Drive verliehen.
Was denkst du, ist für den Zuseher das Überraschendste an dem Film?
Eine ganze Menge, hoffe ich doch. Der außergewöhnliche Musikeinsatz zum Beispiel. Die Score von Dan Jones haut mich noch immer aus den Schuhen: Es gibt zwar eine Menge Szenen mit nahe liegenden Dance-Grooves, aber durch Dans Soundtrack werden emotional sehr unerwartete Akzente gesetzt, das Geschehen wird damit auf eine metaphysische Ebene gehoben.
Welche Szenen meinst du damit?
Die Leute werden überrascht sein, wie ruhig der Film über weite Strecken ist. Nehmen wir nur die Szenen, in denen Hong10 und Ronnie ohne Musik trainieren: Da hört man genau am Aufprall auf den Boden, welche Wucht und welche Kräfte in diesem Sport wirken und was die Jungs ihren Körpern abverlangen. Ich hoffe, dass Leute, die vorher nichts übers Breaken wussten, erstaunt sein werden von der Virtuosität der B-Boys und von ihrer atemberaubenden Akrobatik.
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