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Am Freitag beginnt für
Thomas Morgenstern die WM in Oslo mit der Qualifikation auf der Normalschanze. Am Samstag ist der Red Bull-Adler in der Doku "Überflieger – die Kunst des Skispringens" zu sehen. Wir haben den Weltcup-Sieger 2011 vorab zum Interview gebeten.


Wann bist Du das erste Mal mit dem Thema Skispringen in Berührung gekommen?
Auf den Tag genau weiß ich das leider nicht mehr, aber es war das Jahr 1995. Im Winter habe ich zum ersten Mal an einem Toni Innauer Skifest teilgenommen (Skifahren, Langlaufen und Skispringen mit Alpin Ski). Das Skispringen hat mich auf Anhieb fasziniert. Ab diesem Moment habe ich hinter meinem Elternhaus mit einem Freund immer Sprungschanzen gebaut und mich Meter um Meter herangetastet. Ich erinnere mich sehr gerne an diese Zeit, das hat mir sehr viel Spaß gemacht und war immer etwas ganz Besonderes für mich! Im Sommer 1996 bin ich dann mit meinem Vater in die Alpenarena nach Villach gefahren und habe dort richtig mit Skispringen begonnen.

Hast Du ein Ritual, einen Gegenstand, einen Glücksbringer oder ähnliches, ohne dem Du in kein Rennen gehst?
Ich denke jeder Sportler hat gewisse Rituale bzw. Muster, die er unterbewusst immer abruft. Das muss gar nicht so geplant ablaufen, aber gewisse Verhaltensmuster sind an einem Wettkampf- oder Trainingstag immer die gleichen! Ich klopfe mir z.B. immer zwei Mal auf meine Oberschenkel, wenn ich am Zitterbalken sitze! Der Ablauf, vom Skier anschnallen bis zum Wegstoßen, ist eigentlich immer derselbe!
 
Die Dokumentation zeigt, wie die Skispringer in einzelnen Sesselliften zu den Schanzen fahren - was geht in diesen Minuten in Dir vor?
Das ist an jedem Tag anders. Diese Situation, die in der Dokumentation gezeigt wird, war einer der schwierigsten Momente meines Lebens. Kurz zuvor hat sich in der Luft meine Bindung gelöst und ich bin aus vielen Metern mit einem Salto schlimm gestürzt. Gott sei Dank hatte ich viele Schutzengel und blieb nahezu unverletzt. Ich wollte den Schock aber gar nicht wirken lassen, sondern ihn gleich bekämpfen. Deshalb hab ich mein altes, sicheres Material gepackt und mich auf dem Weg zum Lift gemacht. Im Sessel fühlte ich mich wie im leeren Raum. Rund um mich gab es nichts, als mich selbst, mit dem ich einen Kampf austragen musste. Immer wilder schossen die Bilder vom Sturz an mir vorbei, alles wehrte sich in mir nach oben zu fahren. Wie gesagt, eine der schwierigsten Situationen meines Lebens, aber ich stellte mich der Herausforderung. Das Gefühl und die Leidenschaft frei zu sein, Risiken auszuloten und freiwillig an Grenzen zu gehen, habe ich in diesem Moment sehr stark gespürt. Das Bewusstsein über meine Stärken und Fähigkeiten hat über die Angst gesiegt.
 
Für jeden normalen Menschen ist der Blick von einer Schanze sehr beeindruckend - nimmst Du das noch wahr?
Natürlich! Wie gesagt, jede Situation, jede Schanze ist anders! Der Blick hinunter ist etwas Außergewöhnliches! Vor allem, wenn ich in Planica (der größte Schanze der Welt) ganz oben auf der Plattform stehe und den Blick hinunterwage, dann ist das auch für mich als Skispringer, der das tagtäglich erlebt, etwas sehr Beeindruckendes! Der Höhenunterschied, die Geschwindigkeit, die Gefahr, die Zuschauer … die Wahrnehmung der kleinsten Details laufen ab wie in einem Film!

Was ist das Gefühl, wenn Du vom Schanzentisch abhebst? Fliegen, Schweben, Gleiten, Fallen – banal gefragt, wie fühlt es sich an?
„Bevor es zum eigentlichen Sprung kommt, schnalle ich mir die Skier an und gehe meinen Sprung noch einmal visuell durch! Ich stelle mir vor, wie er sich im Bestfall anfühlen wird. Der Moment, an dem man am Zitterbalken sitzt, das In-sich-gehen, die jubelnden Menschen, die Klarheit und Sicherheit über sich selbst und meinen Fähigkeiten, dann das Wegstoßen. Es gibt kein Zurück mehr, man beschleunigt in vier Sekunden auf knapp 100km/h und irgendwann ist die Anlaufspur zu Ende. Dann passiert vieles im Bruchteil einer Sekunde … man muss eine Entscheidung treffen, binnen kürzester Zeit die richtige technische Bewegung mit einer gewissen An- und Entspannung und vor allem mit einer großen Portion Vertrauen durchziehen! Dann kommt das Highlight, der Flug … einfach nur genießen! Es fühlt sich an wie ein Geschenk … ich kann fliegen, für kurze Zeit bin ich frei wie ein Vogel! Der Traum vom Fliegen wird für kurze Zeit Realität!“
 
Wer ist Dein Idol?
„Kazuyoshi Funaki aus Japan“
 
Wie erholst Du dich vom Sport, hast Du Hobbys?
Ich erhole mich natürlich am liebsten zu Hause! Ich habe vor ca. zweieinhalb Jahren die Privatpilotenlizenz gemacht und eine neue Leidenschaft entdecken dürfen! Wenn die Zeit vorhanden ist, sitze ich schon im Flieger und genieße den Blick in die Ferne!
 
Welches Buch hast Du zuletzt gelesen?
Das Universum, das Wünschen und die Liebe von Bärbel Mohr
 
Was ist Deine Lieblingsband?
Die Toten Hosen
 
Gehst Du neben dem Skispringen auch "normal" Skifahren?
„Ich würde natürlich gerne wieder einmal auf kürzeren Brettern stehen, aber ehrlich gesagt fehlt mir die Zeit bzw. in der wenigen Freizeit die Lust Skifahren zu gehen! Bevor meine Saison startet, bin ich schon sehr fokussiert auf die bevorstehenden Herausforderungen, während der Saison bleibt sowieso keine Zeit und nach der Saison, muss ich ganz offen gestehen, will ich einmal keine Skier mehr sehen! Irgendwann werde ich aber sicher wieder genügend Zeit haben, „normal“ Skifahren gehen zu können!“
 
Habt Ihr beim Skispringen unter den Sportlern auch Apres Ski?
„;-) Eher weniger!“
 
 
"Überflieger – die Kunst des Skispringens". Der Film zeigt ganz persönliche Geschichten von Gregor Schlierenzauer, Thomas Morgenstern und Janne Ahonen aus der Saison 2009/2010. Zu sehen am 26.02. im Red Bull TV-Fenster bei Servus TV.


thomasmorgenstern.com


 


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