PaulSteiner (c) Red Bull Photofiles

Paul Steiner vom Red Bull Skydive Team ist ein Tüftler. Der Skydiver arbeitet oft jahrelang im Stillen an Projekten und erntet am Tag X Fassungslosigkeit. Das Interview über seinen bisher größten Coup: die "Akte Blani(X) II".

2008 hast du mit dem Projekt „Akte Blani(X)" (Link) jede Menge Aufsehen erregt. Dachtest du damals bereits an eine Fortsetzung?
Einen konkreten Plan gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich habe nur mit dem Gedanken gespielt, dass man ein Schäuflein drauflegen könnte. Ich habe immer davon geträumt, von einem Flugzeug auf ein anderes zu steigen. Und ich wusste: Die Jungs vom Segelflugteam Blanix können präzise genug fliegen, um dies möglich zu machen.

Und die waren sofort von dieser Idee überzeugt?
Wir haben uns natürlich zuerst zusammengesetzt und überlegt, ob man das Ganze überhaupt verwirklichen könnte. Von zehn Projekten, die in meinem Kopf herumschwirren, verwerfe ich normalerweise mindestens acht, weil sie einfach nicht umsetzbar sind. Dann bleiben ein bis zwei übrig. Die sind es aber wirklich wert, sich näher damit zu beschäftigen.

Wie beginnst du dann mit der Planung?
Ich schreibe mir zuerst alles auf: die Schwierigkeiten, offene Fragen. Das passiert aber nicht an einem Tag, sondern über Monate. Irgendwann ist die Liste komplett. Dann suche ich für jedes Problem eine konkrete Lösung.

Welche Problematik hat dir im Rahmen der „Akte Blani(X) II“ das größte Kopfzerbrechen bereitet?
Die Frage, wie man von einem Flugzeug auf ein zweites umsteigen könnte. In diesem Punkt haben mir die Jungs vom Segelflugteam viel beigebracht. Wir sind genau durchgegangen, in welcher Position und mit welchem Abstand sie fliegen können. Und wie ich mich platzieren soll. Daran haben wir lange getüftelt. Wobei: Die praktische Umsetzung kann man natürlich nicht trainieren.

Damit nicht genug. Am Ende des Stunts greifst du nach dem Seitenruder des zweiten Segelflugzeugs und verbindest damit für wenige Sekunden die beiden Fluggeräte zu einer Einheit.
Dass ich mich an dem zweiten Flieger festhalten könnte, war eine Idee von Ewald und Kurt (Segelflugteam Blanix, Anm.). Die beiden haben gemeint, dass sie so knapp aneinander fliegen können, dass kein Mensch mehr dazwischenpasst. Ich habe gesagt: Das müsst ihr mir zeigen. Und so kam die Geschichte ins Laufen.

Wie viel hast du in der Nacht vor dem Stunt geschlafen?
Sehr wenig. Mein Kopf war voll mit Gedanken. Je näher so ein Augenblick rückt, desto unruhiger werde ich. Ich will aber das, was ich mir vornehme, auch durchziehen. In diesem Punkt bin ich sehr ehrgeizig und gehe auch an meine Grenzen. Klar hat man Zweifel, aber die muss man in solchen Situationen überwinden.


Ich will das, was ich mir vornehme, auch durchziehen.

Kannst du dich noch an die letzten Minuten vor deinem Ausstieg erinnern?
An sich waren die Bedingungen nicht ideal, vor allem die Windsituation. Mir ist eine Frage nicht aus dem Kopf gegangen: Warum machst du das?

Während der letzen 500 Meter im Steigflug war der Zweifel dann weg. Ich bin alles noch einmal geistig durchgegangen und habe gewusst: Das geht. Wir haben alles ein Jahr lang bis ins letzte Detail geplant und wissen, was wir tun.

Wie erlebt man den Moment X?
Man ist bei jedem Handgriff fokussiert. Nach dem Umstieg war sehr viel Freude dabei, da wir uns ja vor allem das vorgenommen hatten. Irgendwie wusste ich da schon, dass nun auch das Festhalten am zweiten Flieger klappen wird.

Man muss in solchen Situationen aber aufpassen, dass die Euphorie nicht Überhand gewinnt. Noch dazu war ich vor Teil zwei des Stunts körperlich und geistig schon völlig am Sand. Aber wir haben es durchgezogen und es hat sich gelohnt.

    

Nach der Landung konnte man schon an deiner Körpersprache erkennen, welche Last von deinen Schultern gefallen ist. Hast du das Geschehene sofort realisiert?
In dem Moment war ich einfach froh, dass ich sicheren Boden unter mir hatte. Richtig realisieren konnte ich alles erst beim Heimfahren. Ich bin beim Parkplatz in Gröbming stehen geblieben, habe mich vor das Auto gesetzt und das Ganze eine halbe Stunde auf mich wirken lassen. Erst da wurde mir klar, was wir geschafft hatten.

Du und die Jungs von Blanix haben von Beginn an wie eine Einheit gewirkt.
Die Geschichte hat uns zusammengeschweißt. Vor allem, weil jeder dem anderen vertrauen muss. Die Kommunikation in der Luft ist zum Beispiel zu einem großen Teil nur per Funk passiert. Der Kurt und der Ewald sehen oft nicht, ob der eine Flieger den anderen schon fast berührt. Sie mussten sich auch völlig darauf verlassen, dass ich mich an den Plan halte. Und ich musste sicher sein, dass die Flieger in der richtigen Position sind. Durch dieses gegenseitige Vertrauen entsteht eine ganz besondere Freundschaft, die auch abseits des Sports bestehen bleibt.

War dieses gegenseitige Vertrauen der ausschlaggebende Punkt für die Verwirklichung des Projekts?
Ja. Ich war von Anfang an von den Fähigkeiten und dem Zusammenspiel dieser Truppe beeindruckt. Das sind keine Burschen, die groß und lässig daherreden und sich schlussendlich beim Herumprobieren weh tun. Sie wissen um ihr Können und sagen „Nein“ wenn ihnen eine Situation zu heikel ist. Ich mag Leute, die in dem was sie tun ehrlich sind – zu anderen und zu sich selbst.

Die Geschichte hat uns zusammengeschweißt.

Du bist ein penibler Planer und arbeitest auch nur mit Menschen zusammen, die dies ebenso tun. Trotzdem bleibt der Faktor Gefahr.
Es ist nicht die Gefahr, sondern das Restrisiko, das besteht. Man kann alles bis ins Detail durchgehen – und das tun die meisten Sportler –, aber bestimmte Fragen bleiben immer. Das macht den Reiz aus. Wenn man vorher schon alles einschätzen könnte, dann wären Rekorde nichts Besonderes mehr.

Man muss sich aber immer bewusst sein, dass man die Natur nicht kontrollieren kann. Man kann nur versuchen, mit ihr zusammenzuarbeiten.

Viele Extremsportler behaupten, dass sie vor allem wegen der Gefahr wesentlich aktiver ihr Leben genießen. Stimmst du dem zu?
Bei Aktionen wie dem Blanix-Sprung entscheidet oft eine Sekunde zwischen Leben und Tod. Um zu überleben, arbeitet man Monate, wenn nicht Jahre daran, das Restrisiko so klein wie möglich zu halten. Wenn es dann funktioniert, dann ist das nicht nur eine Bestätigung. Man geht innerlich auf und fühlt, dass man für sich selbst genau das Richtige macht. Dadurch lebt man viel intensiver und lernt Dinge zu schätzen, die einem sonst gar nicht auffallen würden. Wenn ich zuhause auf den Mattsee hinunterschaue, dann genieße ich das jedes Mal aufs Neue. Ohne den Sport würde ich vielleicht jeden Tag einfach vorbeifahren.

Wie lange willst du deiner Leidenschaft nachgehen?
Grundsätzlich werde ich so lange an bestimmten Aktionen tüfteln, bis ich keine Lust mehr habe. Dann wird es Zeit, aufzuhören. Denn genau dann wird der Sport gefährlich.

www.flyhigh.at/steiner

www.blanix.com
www.redbullskydiveteam.com

 

 

 


Kommentare

    Einen Kommentar hinzufügen

    * Alle Felder müssen ausgefüllt werden
    Es sind nur 2000 Zeichen erlaubt :
    Gib das Word auf der linken Seite ein und klicke auf "Kommentar abschicken".

    Artikel Details