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Red Bulletin: Maschine, Mann

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Graeme Obree will mit einem von ihm selbst konstruierten und in seiner Küche gebauten Fahrrad auf ebener Strecke über 160 km/h schnell fahren. Der Schotte ist 46 Jahre alt, hat Depressionen und mehrere Selbstmord­versuche hinter sich und einen Kochtopf in sein Fahrzeug verbaut. Seine Chancen auf den Weltrekord stehen gar nicht schlecht.

Saltcoats hat seine besten Zeiten offensichtlich hinter sich. Aber an diesem Morgen strahlt die Sonne so sehr, dass man sich mit ein bisschen Phantasie vorstellen kann, dass die westschottische Küstenstadt vor gar nicht allzu langer Zeit ein beliebter Ferienort für Leute aus Glasgow war; Schottlands größte Stadt ist gerade eine knappe Autostunde entfernt. Aber je weiter die Flugpreise fielen, desto schneller ging es auch mit Saltcoats bergab: Die Rezession schlug hart zu, viele Arbeits­lose, soziale Unruhen.

Saltcoats ist der Ort, wo sich Graeme Obree auf seinen nächsten außergewöhnlichen Weltrekordversuch vorbereitet. ­Jener Graeme Obree, der in den frühen 1990ern zweimal Weltmeister in der Einerverfolgung wurde und den Stundenweltrekord hielt; die französische „L’Équipe“ bezeichnete ihn einmal als „verrückt, ­brillant und zutiefst menschlich“, was der Wahrheit ziemlich nahe kommt.

Der Rekord, um den es geht, soll im September bei einem Wettkampf im US-Bundesstaat Nevada fallen; es ist der für die höchste auf dem Land mit einem HPV erreichte Geschwindigkeit. HPV – human-powered vehicle – steht für „muskelkraftbetriebene Fahrzeuge“ und bezeichnet ­alles, dem man eine Verwandtschaft zu einem Fahrrad nachsagen könnte. Fahr­räder haben Graeme Obree zeit seines ­Lebens begleitet, dieser Aspekt ist also nicht neu. Neu ist: Zum ersten Mal ist es nicht das Wichtigste, ob er den Rekord, den er brechen möchte, tatsächlich bricht. Es geht Graeme Obree darum, das Projekt zu genießen, die Reise nach Nevada, den Wettkampf … und vor allem geht es ihm darum, seine mühevoll wiedererlangte Gesundheit nicht zu gefährden.

„Irgendwann“, sagt er, „erreichst du ­einen Punkt, an dem du dich nicht mehr selbst einrenken kannst. Alles, was über diesen Punkt hinausgeht, hat einen ­Namen, und der lautet: Depression. Eine ganze Menge Leute leidet daran … aber ich nicht. Besser gesagt: ich nicht mehr. Und ich habe überhaupt keine Lust, den Rückwärtsgang einzulegen.“

Graeme Obree weiß genau, wie dieser Rückwärtsgang aussähe: „Es ist nur ein einziger Satz. Er lautet: ‚Ich würde lieber sterben, als diesen Rekord nicht zu brechen.‘ Sobald dieser Gedanke in meinem Kopf auftaucht, muss ich das Projekt sofort stoppen. Und wenn ich es selbst nicht merke, dass ich so zu denken beginne, müssen mich eben andere aufhalten.“

Das richtige Paket
„Ich war nicht wirklich der Solideste in den letzten zwölf Jahren“, bekennt Obree schüchtern grinsend, als wollte er sich dafür entschuldigen, dass er sich nach dem Ende seiner spektakulären Bahnrad-Karriere zurückzog wie ein Eremit.

Die letzten zwölf Jahre waren nicht einfach, aber daran hatte er sich davor schon gewöhnt: Sein ganzes Leben lang quälte ihn eine tonnenschwere Depression, mindestens drei Selbstmordversuche sind ebenso dokumentiert wie unzählige Tiefs – ein Leidensweg, unterbrochen von Höhe­punkten wie den beiden Stundenwelt­rekorden und den beiden WM-Titeln. „Damals hing mein Leben, mein Über­leben, von meinem nächsten Resultat ab“, sagt er. „Ernsthaft. Ich war als Mensch so gut wie mein Ergebnis.“

Nach dem Ende der Karriere, als es keine Ablenkung durch Rennen mehr gab, musste Obree dem Dämon ins Auge blicken: Therapie. Nun fühlt er sich stark genug, um noch einmal durchzustarten. Man könnte einwenden, dass sein Alter da etwas dagegen haben könnte. Doch er meint, 46 sei ein gutes Alter, seine außergewöhnlichen Talente zu einem Paket zu schnüren, das zu ihm passt. Gerade so viel Druck auszuüben, wie seine Gesundheit zulässt, dabei aber innovativ zu sein und sportliche Leistungen auf Weltklasse­niveau zu bringen.

Der HPV-Landgeschwindigkeitsrekord, der im September fallen soll, wird mit ­Unterbrechungen seit 1998 von Sam Whittingham (CAN) gehalten und liegt seit 2009 bei 133,28 km/h Durchschnitt für die 200 Yards (knapp 183 Meter) lange Messstrecke. Graeme Obree will 100 Meilen pro Stunde erreichen, über 160 km/h. Auf ebener Strecke. Auf einem – im weitesten Sinn – Fahrrad.

Lesen Sie die ganze Geschichte in der September-Ausgabe des Red Bulletin.

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