Ihre Technik ist 1500 Jahre alt, doch gefragt wie nie zuvor: Hongkongs Bambusgerüstbauer können sich vor Aufträgen kaum retten. Doch den „Spinnenmännern“ geht der Nachwuchs aus: Der Job in 250 Meter Höhe ist vielen zu gefährlich.
Meter über den Dächern von Hongkong klammert sich Yu On an eine schwankende Bambusstange. Schweiß läuft über seine Stirn. Die Gesichtszüge unter dem signalfarbenen Schutzhelm sind angespannt.Von seinem Arbeitsplatz aus könnte Yu On die ganze Stadt überblicken. Er könnte hinübersehen auf Hongkongs Nachbarinseln, an guten Tagen sogar bis zum chinesischen Festland. Aber dafür hat Yu On keine Augen. Er fixiert seinen Kollegen, der ihm ein neues Bambusrohr nach oben reicht. Yu zieht es zu sich hoch und legt es im 45-Grad-Winkel über die Vertikalstrebe, die er gerade festhält. Dann fingert er ein dünnes Plastikband aus seiner Bauchtasche, wickelt es geschickt um die beiden Stangen und verknotet die Enden. Wieder ist ein kleiner Teil des Puzzles fertig. Und Yu rückt weiter zum nächsten Verbindungspunkt. Yu On ist Bambusgerüstbauer – „Taap Pang“, wie es in der kantonesischen Landessprache heißt. Die Bewohner Hongkongs haben mittlerweile eine internationale Bezeichnung für die schwindelfreie Zunft gefunden: „Spidermen“, die Spinnenmänner.
Werkstoff zum Anpflanzen
Yu On ist ein muskulöser Kerl. Er trägt kurz geschorenes Haar und baut seit zwanzig Jahren Bambusgitter in der chinesischen Metropole. Yu hat sich vom einfachen Arbeiter zum Team Manager hochgearbeitet. Er beaufsichtigt einzelne Montagetrupps, die auf Vertragsbasis für die Baufirma arbeiten. Obwohl Yu selbst nicht mehr so oft wie früher an die Spitze der Gerüste klettern muss, hat er sein Handwerk nicht verlernt: „Ein guter Taap Pang muss gerade und stabil bauen können. Selbst wenn die Bambusrohre etwas krumm sind“, erklärt er. Und: „In einer Höhe von bis zu 250 Metern gleicht kein Job dem anderen. Wir müssen uns an jedes Gebäude anpassen können.“
Aufträge hat die Truppe genug: Das millionenschwere Immobilienprojekt Chatham Gate im Stadtteil Kowloon wird ebenso mit Bambus eingerüstet wie der Großteil der anderen Baustellen in Hongkong. Die Gittergerüste stehen in schäbigen Hinterhöfen oder wachsen an Wohnhäuserwänden empor. Eine ganze Armee von Arbeitern benutzt sie, um Gebäude zu bauen, instand zu halten oder abzureißen. Die Auswahl der richtigen Bambussorte ist dabei genauso wichtig wie das handwerkliche Können, sagt Francis So – der einzige Mann in Hongkong mit einem Doktortitel in Gerüstbautechnik. „Der ideale Bambus wächst genau zwischen Berghang und Fluss“, erklärt Doktor So. „Hang-Bambus ist zwar hart, aber zu knorrig. Ufer-Bambus hingegen wächst zwar geradliniger, lässt sich aber zu leicht verbiegen.“
Von den mehr als tausend bekannten Bambusarten verwenden Hongkongs Spinnenmänner nur zwei Sorten, die hauptsächlich in der chinesischen Provinz Guangxi wachsen: „Mao Jue“ für vertikale und diagonale Streben und „Kao Jue“ für die horizontalen. Die optimalen Abstände zwischen den Knotenpunkten jedes Gerüsts werden in der Regel von Bauingenieuren berechnet. In der Praxis müssen die Taap Pang aber oft improvisieren und ihre Konstruktionen an die Beschaffenheiten der Außenwände anpassen. Dieser Umstand macht Bambusgerüstbau zu einem einzigartigen Mix aus Tradition, Handwerk und Kunst.
„Um die Bambusstangen zu verbinden, benutzen die Arbeiter Plastikbänder, die sie sechsmal fest um die Stangen wickeln“, erklärt Dr. So. „Dann verdrillen sie die Enden ineinander und stecken den Knoten in die Fuge.“ Es gibt also keine Schrauben oder Klemmen? Und das alles mehrere hundert Meter über dem Boden? „Richtig“, sagt Dr. So. „Durch die Reibung zwischen Plastikband und Bambus halten die Gitter wie von selbst.“
Die besondere Art dieses Gerüstbaus hat mehrere Vorteile: Bambuselemente sind elastischer, flexibler und einfacher aufzurichten als Metallbauteile. Zudem wiegen sie weniger, sodass selbst schmächtige Arbeiter mit den rund sieben Meter langen Stangen auf den Schultern die Gerüste hochklettern können. Außerdem ist Bambus billig, biologisch abbaubar und wächst nach – geht der Rohstoff aus, pflanzt man einfach neuen.
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