stajkovic3_vidic Foto: Samo Vidic.

Der Mann mit der aufregendsten Biografie steht abseits der Absprung-Plattform. Cliff-Diving-Sportdirektor Niki Stajkovic (51) über wilde Hunde, Olympia-Albträume und Maschinengewehr-Feuer zum Frühstück.

Wenn sich am Samstag die besten Klippenspringer der Welt in Sisikon (Schweiz) in die Tiefe stürzen, wird Niki Stajkovic wieder ein wachsames Auge auf seine „Burschen“ haben. Der 51-jährige Salzburger ist für die sportliche Organisation der Red Bull Cliff Diving World Series verantwortlich. Und er ist Ansprechperson für die Athleten aus aller Welt, die auf der Suche nach dem perfekten Sprung um den Globus reisen.

Stajkovic hat im vergangenen halben Jahrhundert viel erlebt: Er stammt aus einer der reichsten Familien Ex-Jugoslawiens, war 25 Jahre lang professioneller Turmspringer und wohnt heute auf Hawaii, wo er am liebsten Surfen geht. Während seiner aktiven Zeit absolvierte er rund eine Million Sprünge und nahm an fünf Olympischen Spielen teil. Niki Stajkovic kennt die mentalen Strapazen, die am Ende der Absprung-Plattform auf die Athleten warten.

Wir haben ihn zum Interview gebeten.

Niki, kannst du dich an deinen ersten Sprung vom Zehn-Meter-Brett-erinnern?
Sicher, das war in Hallein in Salzburg und ich war fünf Jahre alt. Mein Vater hat mir einen Maria-Theresien-Taler versprochen, wenn ich einen Kopfsprung vom Zehn-Meter-Brett mache. Natürlich bin ich da gesprungen.

Es gibt nicht viele Fünfjährige, die das für Geld machen würden.
Mich hat mein Vater ja schon mit drei Jahren zum Turmspringen gebracht. Er war von diesem Sport fasziniert. Er hätte eigentlich Diplomat werden sollen, hat sich dann aber anders entschieden und ist dem Turmspringen verfallen. Er hat dann seine Wünsche teilweise auch durch mich ausgelebt.

Du warst zwischen 1972 und 1992 bei fünf Olympischen Spielen am Start. Was war deine schönste Olympia-Erinnerung?
Es wären sogar fast sechs Teilnahmen geworden. Aber in Los Angeles konnte ich 1984 aufgrund einer Verletzung nicht antreten. Die Spiele hatten Anfang der 70er noch einen sehr amateurhaften Charakter, das hat mir sehr gut gefallen. Olympia war noch nicht so kommerzialisiert. Man konnte sogar seine Verwandten reinschmuggeln. Dann kam das Attentat. (Gemeint ist die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972 in München, Anm.)

Du warst bei den Spielen in München erst 13 Jahre alt. Wie hast du die Geiselnahme erlebt?
Wir sind gerade zum Frühstück gegangen und haben von draußen plötzlich ein Knattern gehört. Ich konnte das damals nicht richtig einordnen. Erst später habe ich erfahren, dass es Maschinenpistolen waren. Es war für alle Menschen dort ein sehr tragisches Ereignis. Auch weil die Atmosphäre davor sehr locker war.

"Cliff Diving ist eine Frage des Mutes. Als Athlet musst du schon ein wenig verrückt sein." - Niki Stajkovic

Deine beste Platzierung bei den Spielen war Rang acht in Moskau 1980. Wie beurteilst du deine Olympia-Bilanz im Rückblick?
Ich war leider nie ganz fit. In Seoul bin ich trotz Blutvergiftung angetreten, in Barcelona habe ich allergisch auf Penicillin reagiert. Vom Talent her haben mir die Experten immer einen Platz unter den Top drei vorausgesagt. Heutzutage würde man in so einem Fall wahrscheinlich einen Sportpsychologen heranziehen. So einen würde ich mir rückblickend gern selbst verschreiben (lacht).

Psychologie spielt auch beim Cliff-Diving eine wichtige Rolle. Was ist die wichtigste Charaktereigenschaft in diesem Sport?
Auf jeden Fall mentale Stärke. Es geht darum, den Sprung genau so auszuführen, wie man ihn sich vornimmt. Das Eintauchen ins Wasser kann schon aus zehn Metern Höhe ordentlich weh tun. Beim Cliff Diving hat man den sieben- oder achtfachen Impact und die Verletzungsgefahr ist viel größer. 

Wie bereitet man sich auf einen Sprung aus 26 Metern Höhe vor?
Es gibt Testsprünge aus fünf, sieben und zehn Metern. Danach kann man nicht mehr viel simulieren. Man kann Sprünge aus diesen Höhen nicht so oft trainieren wie beim Turmspringen. Die körperlichen Belastungen sind beim Cliff Diving viel höher. Jeder Sportler geht einen neuen Sprung mehrere hundert Mal im Kopf durch, bevor er ihn ausprobiert.

Der größte Unterschied zwischen Turmspringen und Cliff Diving?
Natürlich die Höhe. Cliff Diving ist eine Frage des Mutes. Als Athlet musst du schon ein wenig verrückt sein, um hier mitzumachen. Alle Teilnehmer haben sich die Grundfähigkeiten beim Turmspringen angeeignet. Dazu kommt das Gefühl, die Höhe richtig abschätzen zu können und in der Luft zu korrigieren.

"Orlando Duque trainiert momentan wie noch nie in seinem Leben." - Niki Stajkovic

Sind Cliff Diver stille Burschen oder wilde Hunde?
Beides. Die Konzentration spielt natürlich eine wichtige Rolle. Andererseits lassen die Burschen auch keinen Spaß aus. Es sind wirklich tolle Sportler. Die meisten sind ja Amateure, in dem Sinn, dass sie normale Jobs haben und sich fürs Cliff Diving frei nehmen müssen. Wir sind mittlerweile wie eine große Familie.

Als Sportdirektor bist du auch für die Sicherheit der Springer verantwortlich. Welche Kriterien muss ein Austragungsort erfüllen?
Punkt eins ist die Stabilität der Rampe. Beim Absprung darf sie nicht federn. Die Plattform muss immer gleich beschaffen sein, um die komplexen Sprünge ausführen zu können. Punkt zwei betrifft den Eintauchbereich. Das Wasser muss mindestens fünf Meter tief sein, die Eintauchstelle weit genug von der Wand weg. Wir haben Taucher, die bei jedem Sprung mit den Athleten mit unter Wasser gehen. Und ein Boot, in dem ein Notarzt sitzt. Für den Ernstfall stehen im Krankenhaus die besten Ärzte bereit.

Der Brite Gary Hunt konnte heuer drei von bisher vier Springen gewinnen. Was macht ihn so stark?
Er ist technisch sehr, sehr gut. Er setzt den Fokus heuer noch mehr auf den Wettkampf und lässt sich von nichts mehr ablenken. Sein technisches Können gibt ihm die Möglichkeit, die schwersten Sprünge sauber auszuführen.

Hunt hat 2009 einen dreifachen Rückwärtssalto mit vierfacher Schraube gezeigt. Sind die Grenzen im Cliff Diving schon ausgelotet?
Gary hat durch seine Superleistungen natürlich die anderen Springer angespornt. Wir werden 2011 eine Bombensaison erleben. Orlando Duque trainiert momentan wie noch nie in seinem Leben. Falls er es heuer nicht mehr schaffen sollte, ist im nächsten Jahr wieder mit ihm zu rechnen. Und auch Artem Silchenko hat einige Wahnsinns-Sprünge in Petto.

Am Samstag könnte es in der Schweiz schon eine Vorentscheidung geben. Der Austragungsort Sisikon wird den meisten Menschen wenig sagen. Wie sieht es dort aus?
Sisikon ist ein Dorf mit 350 Einwohnern. Und die Leute sind toll! Fast alle 350 sind bei der Vorbereitung des Events irgendwie involviert, ob als Feuerwehrmann oder bei der Wasserrettung. Das Klischee der fleißigen Schweizer stimmt übrigens: Mit den Aufbauarbeiten waren sie zwei Tage vor dem Termin fertig.

Red Bull Cliff Diving World Series live auf ServusTV und Red Bull Web TV: Samstag, 28. August, ab 15.15 Uhr.

www.redbullcliffdiving.com

 


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