Red Bull Alpenbrevet (c) Lukas Maeder/Red Bull Content Pool

Von wegen Lichtgeschwindigkeit… 30 km/h und 1,3 PS reichen völlig für eine Zeitreise – zumindest für einen Sprung 30 Jahre zurück. Als Mofas Kult waren und ihre Knattern nach Freiheit und Abenteuer klang. Die Schweizer laden am Wochenende zum Time Warp auf zwei Rädern und bezwingen mit ihren „Töfflis“ 3 Alpenpässe und 3.500 Höhenmeter. Ist es die irrste Rallye der Welt oder die irrste Zeitreise? Vermutlich beides.


Die Mofas gehörten in den 1970er und 1980er Jahren zum Straßenbild wie Nachrangtafeln und Zebrastreifen: Ein Mischwesen aus Fahrrad und Motorrad, meist von Hand zu schalten, mit Pedalen zur trittkräftigen Unterstützung durch den Fahrer, falls die im Schnitt 1,3 PS aus dem 49-ccm-Zweitaktmotor (Treibstoffverbrauch: 1,8 Liter pro 100 Kilometer) für eine heimtückische Steigung nicht reichen sollten. Sie waren von Anfang an praktisch, unkompliziert, brustschwach und garantiert langsam - wer schneller als 30 km/h unterwegs sein wollte, benötigte Rückenwind oder ein Gefälle. Am besten beides.

Heute sind Mofas vor allem eines: Kult. Ein Kult, der sich am 15. September beim dritten Red Bull Alpenbrevet im Berner Oberland einer entsprechend kultigen praktischen Herausforderung stellt: Von Meiringen über die Alpenpässe Grimsel, Furka, Susten wieder zurück nach Meiringen gilt es auf dem Mofa - in der Schweiz liebevoll Töffli oder Hödi genannt – 132 Kilometer Wegstrecke sowie in Summe 3.500 Höhenmeter zu überwinden. Die Maschine halbwegs heil über die bis zu elf Prozent steilen Anstiege zu bringen ist die Aufgabe, durchzukommen das Ziel.

Reto, Roger, Dave und Michi sind vier Namen auf der Teilnehmerliste 2012. "Red Bull Alpenbrevet hat das Töffli­ Feuer in uns wieder entfacht", sagt Dave, "2010, bei der Premiere, waren wir noch mit einem geliehenen Mofa am Start. Wir dachten: ,Entweder wird es das Dümmste, was wir jemals gemacht haben, oder es wird der Hammer.' Direkt nach dem Ziel wussten wir: Am Heimweg kaufen wir uns ein eigenes Hödi." Roger: "Ich kam dort an und war wieder vierzehn. Allein der Klang der Motoren lässt die Erinnerungen hochkommen. Genau der gleiche Klang, den ich damals von meinem Fenster aus hörte, als jeder Vierzehnjährige noch ein Mofa fuhr."
 

 

 

Red Bull Alpenbrevet ist angesiedelt in der Schnittmenge von Nostalgie und Ironie: Konstantes Tempo ist ebenso gefragt wie schrilles Outfit und Durchhaltevermögen (von Mensch und Maschine). Und es ist zugleich ein farbenfrohes Revival der siebziger, achtziger und der frühen neunziger Jahre, als Maxi, Cilo, Kreidler oder Ciao Bestandteil der Jugendkultur waren und als praktisches Fortbewegungsmittel das erste große Stück Freiheit.

Wer zwischen 1960 und 1980 geboren wurde, hat gute Chancen, mit einem Mofa erstmals zum motorisierten Verkehrsteilnehmer geworden zu sein. "So etwas vergisst man nie. Es ist das Erste, was du fahren darfst. Kein Vergleich z um Fahrrad", sagt Roger. "Und 30 Sachen waren für uns damals verdammt schnell." Ein Mofa konnte Vierzehnjährige in der Schule zum Abenteurer machen: Ölreste unter den Fingernägeln oder gar Brandblasen an den Waden (Auspuffkontakt!) trug man mit Stolz.

Klar befeuern die Mofas auch die Lust am Verbotenen: Erste geheime Straßenrennen stachelten den Ehrgeiz an, die Dinger schneller zu machen. Also wurde Papas Autogarage zur Werkstatt umfunktioniert und an den Puchs, Belmondos, Sachs‘ und Ponys, Ciaos und Herkusles herumgebastelt, an Kolben geschliffen, an Übersetzungen gefeilt. „Der Zweitakter ist der einfachste Motor“, sagt Michael, „er verleitet regelrecht zum Frisieren.“ Ein kleines herausgefeiltes Fensterchen im Kolben wirkte Wunder, genau wie ein größeres Ritzel: Sofort wurde aus dem braven 30-km/h-Zweirad ein 50 km/h schnelles Statussymbol. Dass Bremsen und Auspuff der Entwicklung des Motors nicht immer gewachsen waren, war das kleinere Problem. Das größere: die Aufmerksamkeit der Polizei.

Ein paar Jährchen später zählen beim Red Bull Alpenbrevet nicht mehr der Speed, sondern fundamentale Fragen. Etwa: Komme ich überhaupt nach oben? Hält mein Mofa durch? Wird der kleine Motor zu heiß? Muss ich mit in die Pedale treten oder am Ende gar schieben? Die Anspannung, so erzählen Absolventen einhellig, fällt erst ab, wenn man ganz oben auf der Kuppe ist. Bergab geht dann alles wie von allein: Das Mofa rollt, sein Fahrer legt sich in die Kurven, der Wind bläs ihm ein Lachen ins Gesicht.

Doch vor die Abfahrt hat der Herrgott den Anstieg gesetzt. Und der hat es beim Red Bull Alpenbrevet in sich. Vergangenes Jahr musste Roger beim Aufstieg auf die Furkapasshöhe zwei Kilometer in die Pedale treten – sein Motor hatte überhitzt. Dave erwischte es noch schlimmer: Seine Ciao zog bei Regen nicht mehr richtig. Zwei Drittel der Strecke half der Aargauer tatkräftig mit, ehe er ins Ziel kam: „Am nächsten Tag konnte ich keinen Schritt gehen.“ Michi und Reto mussten überhaupt aufgeben – ihre Zündung hatte das Duell gegen den Regen verloren.


Red Bull Alpenbrevet: Premiere 2010: 600 durchgestylte Töfflihelden nehmen die Bergtour in Angriff. Ab 2011 wird die Teilnehmerzahl auf 800 erhöht.Strecke: 132 Kilometer, 3 Alpenpässe: Grimselpass mit 2164 Meter, Fkurkapass mit 2429 Meter und Sustenpass mit 2224 Meter – insgesamt 3.500 Höhenmeter, Haarnadelkurven, steile Abfahren, Steigungen bis zu 11% - und 10 Stunden Zeit. Verboten: frisierte Mofas, Fahren unter Alkoholeinfluss, Missachtung des Tempolimits von 30 km/h oder Überholen von Autos. Freie Startplätze: Null! Seit Wochen sind die 800 Startplätze vergeben. Die ersten 400 waren übrigens innerhalb von 14 Minuten weg (schneller als die Karten für das AC/DC-Konzert in Bern).


Eine Story über den "Töfflie-Wahn" findest du in der aktuellen Ausgabe des Red Bulletin. Erhältlich als Gratis-App für das iPad bei iTunes.

 

 


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