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Oscar Pistorius ist schnell: Mit einer persönlichen Bestzeit von 45,61 Sekunden über 400 Meter ist er sowohl für die Weltmeisterschaft als auch für die Olympischen Spiele in London qualifiziert. Aber Oscar Pistorius ist anders: Seine Beine sind nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Carbon. Jetzt steckt der Leichtathletik-Weltverband in der Zwickmühle. Die Geschichte über einen außergewöhnlichen Leistungssportler gibt es in der aktuellen Ausgabe des Red Bulletin zu lesen.

Das Geräusch bedeutet Geschwindigkeit. Und auch wenn es sich komisch anhört, gehört es einfach dazu, wenn Oscar Pistorius auf der Tartanbahn Tempo aufnimmt und die Welt an ihm vorbeifliegt – wenn er an der Welt vorbeifliegt. Bei jedem Schritt hallt von seinen Füßen ein lauter, scharfer Knall herüber. Das hört sich an, als ob jemand tausende Basebälle pro Minute schlägt. Oscar Pistorius' Füße sind nicht normal. Sie sind nicht aus Fleisch und Blut. Der südafrikanische Sprintstar läuft auf Carbon – und sein Wille ist aus Stahl. Pistorius will sich mit den Besten und den Schnellsten der Welt messen – und deshalb ist sein Fall so berühmt und der Südafrikaner so berüchtigt. Was, um Himmels Willen, wenn er die nicht-behinderten Superstars bei einem Internationalen Leichtathletik-Fest schlagen würde. Was, wenn die Prothesen ihm einen Vorteil bringen; wenn diese gekrümmten Kohlefaserblätter ihn tatsächlich schneller antrieben, als normale Knochen, Sehnen und Muskeln es könnten? Der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) steckte in einer Zwickmühle, die Geschichte ging um die Welt. Erst hatte der Verband Pistorius erlaubt zu starten, dann wiederum machte er einen Rückzieher.

Ohne Wadenbeine geboren zu werden, bedeutete, keine Vorrichtung zum Gehen zu haben. So standen seine Eltern Henke und Sheila Pistorius vor der harten, aber unvermeidlichen Entscheidung zur Amputation, als Oscar elf Monate alt war. Seine einzige Möglichkeit zu gehen, so sah es aus, bestand nun darin, seine Stümpfe in Unterschenkelprothesen zu stecken. Und damit begannen auch die Belehrungen darüber, was er tun und was er nicht tun könne. Die meisten davon hat er ignoriert, speziell die eine, die ihm die Fähigkeit absprach, bei den Rennen der Nicht-Behinderten zu starten. Um die Wurzeln des Kohlefaser-Dilemmas der IAAF zu begreifen, ist es vielleicht am besten, die Wurzeln eines gewissen Oscar Leonard Carl Pistorius auszubuddeln. Das hätte auch der IAAF geholfen und ihr vielleicht manche unsägliche Peinlichkeit erspart. Vielleicht hätten sie bei der IAAF herausgefunden, dass Pistorius’ Wettbewerbsvorteil etwas weiter nördlich seiner Kohlefaserfüße angesiedelt ist und auf dem guten altmodischen stählernen Willen fußt.

„Du kannst dich nicht einfach im Bett umdrehen und dich totstellen, wenn’s mal ein wenig härter zugeht“, sagt Pistorius. Seine verstorbene Mutter hat diese Einstellung entscheidend mitgeprägt. „Sie hat nie großes Aufhebens um meine Behinderung gemacht“, sagt Pistorius. „Als ich klein war, hab ich sie gefragt, warum ich keine Beine hätte. Sie antwortete dann: ‚Klar hast du Beine. Dein Bruder zieht morgens seine Schuhe an und du diese Dinger. Da gibt’s keinen Unterschied.‘“ Er spielte Fußball, Cricket, Tennis, Rugby mit den „Normalos“, er boxte und ging auf die Ringermatte. Und als auf die Highschool kam, lief er bei Sportfesten gegen die Nicht-Behinderten. „Einen Unterschied konnte ich da wirklich nicht sehen“, sagt er.

Den Unterschied sah nur der Weltverband. Umso mehr, als sich der Läufer auf den 400 Metern als konkurrenzfähig erwies. Er lief Zeiten, mit denen er sich für die Olympischen Spiele (nicht für die Paralympics, bei denen er sowieso abräumte) qualifizieren würde. Pistorius ahnte: „Dieser Junge könnte es tatsächlich zu den Olympischen Spielen schaffen … das darf nicht geschehen. Was sollen wir tun, wenn es ihm gelingt?“ Unvermittelt änderte die IAAF ihre Wettbewerbsregeln – natürlich nicht auf Pistorius gezielt, wie man versicherte. Die neuen Regeln verboten „jegliche technische Vorrichtung, die mit Federn, Rädern oder anderen Elementen ihrem Benutzer einen Vorteil über einen anderen Athleten verschafft, der eine solche Vorrichtung nicht verwendet“.
Pistorius protestierte energisch gegen die Entscheidung und beschloss, Experten seiner Wahl um ein Urteil zu bitten. Und nachdem er auf diversen Ebenen bewies, dass er durch seine „Cheetah Blades“ keinen Vorteil hat („Meine Schrittlänge beträgt 2,70 Meter beträgt – ein paar von den Jungs, gegen die ich antrete, bringen es auf 3,10 Meter“), empfohlen die Experten – der Vertreter der IAAF eingeschlossen – einstimmig, dass Pistorius bei den „Normalos“ starten könne.

Für die Weltmeisterschaften von 27. August bis 4. September in Daegu hat ihn sein Verband am Montag offiziell nominiert. Mit 46,07 Sekunden im italienischen Lignano war er vier Wochen zuvor die Norm gelaufen. Was die olympische Qualifikation angeht, ist der Auftrag ebenfalls fast erfüllt. Bei den südafrikanischen Provinzmeisterschaften im März 2011 gewann Pistorius seinen Lauf in der persönlichen Bestzeit von 45,61 Sekunden – und hat sich für London 2012 qualifiziert.


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