Bach und Breakdance passen nicht zusammen? Das Gegenteil bewiesen gestern Abend die vierfachen Breakdance-Weltmeister Flying Steps bei der Premiere von „Red Bull Flying Bach“ in der Neuen Nationalgalerie.
Berlin. Über 400 begeisterte Zuschauer verfolgten die Headspins, Powermoves und exakten Choreographien der sieben Tänzer, die das „Wohltemperierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach erstmalig ins 21. Jahrhundert übersetzten. „Es funktioniert! Die Stimmung war unglaublich, wir hatten richtig Gänsehaut“, so Vartan Bassil, Choreograph und Tänzer nach der Aufführung. Das Publikum dankte die außergewöhnliche Darbietung, bei der Christoph Hagel als künstlerischer Leiter fungierte, mit Szenenapplaus und Standing Ovations. Elf weitere Inszenierungen von „Red Bull Flying Bach“ finden bis zum 1. Mai statt.
Im Vorfeld war man gespannt, wie der explosive Tanzstil des Breakdance zu einem Meilenstein der klassischen Musik passen könnte. Aber schon nach den ersten Szenen bei der Premiere in der Neuen Nationalgalerie war klar: Jugend- und Hochkultur vereint sich hier ganz spielerisch.
"Wir wollen zeigen, dass Hip Hop eine Kunstform ist, in der viel Leidenschaft und Herzblut steckt" Flying Steps
Zu Christoph Hagels (Klavier) und Sabina Chukurovas (Cembalo) gefühlvollem Spiel eroberten die Flying Steps die Bühne, um mit B-Boying, New Style oder Soul Lock dem „Wohltemperierten Klavier“ einen zeitgenössischen Look zu verpassen. Die Fusion aus Fugen und fliegenden Schritten brachte das Publikum rasch auf ihre Seite. Als die ersten Powermoves und Headspins zu den elektronisch verfremdeten Bach-Elementen für Begeisterung sorgten, war auch der letzte Purist überzeugt. „Wir möchten zeigen, dass Hip Hop eine Kunstform ist, in der viel Leidenschaft und Herzblut steckt“, resümierte Vartan Bassil von den Flying Steps, „man soll erkennen, dass diese Musik auch von der heutigen Jugend und Kultur genutzt werden kann.“
Neben perfekten Tanzeinlagen, die demonstrierten, dass B-Boys nicht nur kraftvoll tanzen, sondern auch ruhige Klänge in Bewegungen umsetzen können, überzeugten die Tänzer vor allem durch Einfallsreichtum und Witz. Streit, Kampf, Trauer und Freude – wie beim Auf und Ab der Noten variieren die Stimmungen und Stile der Tänzer. „Wir zeigen die ganze Facette menschlicher Gefühle und möchten das Publikum sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken bringen. Diese Vielfalt war ganz wichtig", fügt Vartan Bassil zum dramaturgischen Aufbau hinzu. Unterstützt wird die Gruppe dabei von der japanischen Tänzerin Yui Kawaguchi (Contemporary).
Das Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten Neuen Nationalgalerie war vom ersten Augenblick im Bann des ungewöhnlichen Experiments, das vom Videokünstler Marco Moo visuell unterlegt wurde. „Man hat gemerkt, mit wie viel Freude die Künstler bei der Sache sind“, bemerkt etwa Hans-Jochen Kneschke, ein Gast, der die Breakdance-Kultur bis dato nur aus dem Fernsehen kannte, nach der Aufführung. „Dieser Funke ist sofort übergesprungen.“
Auch Christoph Hagel, der nicht nur selbst am Klavier saß, sondern auch als künstlerischer Leiter von „Red Bull Flying Bach“ fungierte, stand nach dem Ausklingen des Beifalls gelöst neben der Bühne. „Ich freue mich normalerweise nicht auf Premieren“, sagte der Dirigent und Regisseur, der für seine Crossover-Projekte bekannt ist, „heute war das anders. Ich bin über die Reaktion auf den Abend sehr glücklich. Bach ist vitale Musik und Hip Hop große Kunst.“
Und was hätte wohl Johann Sebastian Bach zu dieser wagemutigen Mission gesagt? Schon zu Lebzeiten notierte er zu seinem „Wohltemperierten Klavier“, es wäre „Zum Nutzen und Gebrauch der Lehr-begierigen Musicalischen Jugend“.
Red Bull Flying Bach
Die Flying Steps tanzen zu Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertem Klavier
Neue Nationalgalerie, Kulturforum am Potsdamer Platz, Berlin
Künstlerische Leitung: Christoph Hagel
Choreographie: Vartan Bassil
Dramaturgie: Nadia Espiritu
13. April bis 1. Mai 2010 jeweils 20:30 Uhr
Tickets: www.ticketonline.com
Veranstalter: FS Entertainment GmbH
Weitere Informationen unter:
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