Beach-Volleyballer Jonas Reckermann bloggt von der Beach-Volleyball World Tour in China: Warum man in Rio bei Rot über die Ampel fahren sollte und nach Shanghai Proteinpulver mitnehmen muss.
Es sind mittlerweile ein paar Wochen vergangen seit dem letzten Beitrag - vielen Dank an dieser Stelle für die vielen positiven Rückmeldungen zu dem etwas untypischen Eintrag. Ich war ja etwas unsicher, wie dieser aufgenommen werden würde.
In der Zwischenzeit ging die Saison bereits los, nach einigen Tagen in Rio de Janeiro eröffneten
Julius Brink und ich in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia die World Tour 2011 und damit auch die
Qualifikationsphase für die Olympischen Sommerspiele in London. Auch in dieser Saison bleibt es jedoch dabei: In meinem Blog wird nichts über das Geschehen auf dem Spielfeld zu lesen sein, es sei denn es ereignen sich besondere Vorkommnisse, die nicht direkt etwas mit Ergebnissen zu tun haben. Wer sich mehr oder zusätzlich für den sportlichen Ablauf interessiert hat die Möglichkeit auf unserer Internetseite oder auch bei unserem Facebook-Auftritt vorbeizuschauen.
Ich hatte es bereits vor einem Jahr an dieser Stelle erwähnt: Die vor 51 Jahren auf dem Reißbrett geplante Stadt Brasilia hat nicht so richtig viel zu bieten wenn man nicht gerade Geschäftsmann und/oder Politiker ist. Wenn man beide Funktionen besetzt fühlt man sich jedoch auch nicht unbedingt doppelt so gut aufgehoben, denn die von zahllosen Businesshotels und administrativen Gebäuden geprägte Stadt wurde auf einem knapp 1.200 m hohen Plateau errichtet und ist damit mangels großer Wasserflächen gänzlich ungeeignet für atmosphärische Bunga-Bunga-Partys nach italienischer Art ;) Schöner und ereignisreicher war es mal wieder in Rio!
Dennoch und gleichzeitig auch deshalb haben wir es nicht bereut unser fünfwöchiges Trainingslager, im Gegensatz zu früheren Jahren, statt am Strand von Ipanema in diesem Jahr in Neuseeland und Australien absolviert zu haben. Zwar ist der Strand zwischen Copacabana und Leblon vielleicht noch etwas schöner und die Umgebung exotischer, doch leider auch wesentlich gefährlicher! Erneut wurden Spieler Zeugen von bewaffneten Raubüberfällen am helllichten Tag. Wenige Wochen vor unserer Ankunft wurde ein Mann im Nobelviertel Ipanema erschossen weil er sein Fahrrad nicht hergeben wollte und ein befreundeter Arzt wurde bereits zum dritten Mal in den letzten fünf Jahren an einer roten Ampel aus seinem Auto gezerrt und selbiges entwendet. Letzterer Vorfall geschieht leider wirklich häufiger und ist auch der Grund warum spätestens nach Einbruch der Dunkelheit niemand mehr an roten Ampeln hält - allerdings sehr zur Gefährdung der Fußgänger!
Man kann somit fast den Eindruck gewinnen, ein (Menschen)Leben in Brasilien sei etwas weniger wert als anderswo, dafür lebt es sich aber mittlerweile zumindest in Rio umso teurer! Nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Wirtschaftskraft sowie der Austragung von Fußball-WM und Olympischen Spielen in den Jahren 2014 bzw. 2016 sind die Preise für Transport, Wohnen und Essen zumindest in den besseren Wohngegenden Rios mittlerweile auf einem ähnlichen Niveau wie in Mitteleuropa gestiehen! Und dennoch: Schafft man es, mögliche Gefahren auszublenden bzw. beachtet man einige Verhaltenstipps, kann man die unvergleichlichen Strände, die besten Saft-Bars der Welt sowie das, zumindest für dunkle Hauttypen wie mich, perfekte Klima zumindest für einige Tage weiterhin richtig genießen ;)
Szenenwechsel: China! Mir fällt leider keine akzeptable Überleitung ein, denn das Reich der Mitte und Brasilien haben genau so viel gemeinsam wie Wanne-Eickel und San Francisco: Vier Buchstaben im Namen...
Während die Damen und Herren vom Weltverband die weiblichen Beachteams von Brasilia durch 11 Zeitzonen direkt weiter nach Sanya (China) geschickt haben, durften die Männer ein kleines Erholungspäuschen in der Heimat einlegen. Erst am 27. April brachen wir nach Shanghai auf. Ab heute wird eine Autostunde vom Zentrum entfernt am "Stadtstrand" dann wieder um Punkte gepritscht und gebaggert.
Mit an Bord ist diesmal ein Survival-Pack der besonderen Art: Seit einigen Monaten müssen Profisportler in China ein wenig auf ihre Ernährung achten. Zwar ist das Essen dort nicht unbedingt gehaltvoller als in Europa aber doch gefahrvoller! Nach dem, vermutlich auf verunreinigtes Essen zurückzuführenden, positiven Urintest eines deutschen Tischtennisspielers wurden 28 Geschäftsleute nach ihrer Rückkehr aus China um eine freiwillige Urinprobe gebeten. Das Ergebnis: 22 dieser Proben hätten bei einem Sportler wegen erhöhter Clenbuterolwerte zu einem positiven Dopingbefund geführt (Quelle: DOSB). Dies macht die dem Kontrollsystem unterworfenen Sportler natürlich mehr als nachdenklich, aber da wir dem Regelwerk nach eben selbst dafür verantwortlich sind was in unseren Körper gelangt, bleibt uns nichts anderes übrig als Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. In meinem Fall bestehen diese aus einem absoluten Verzicht auf Fleisch und Fisch in China und der daraus abzuleitenden Notwendigkeit der Einfuhr von proteinhaltiger Kost. Neben einer Extraration Proteinpulver besteht diese aus einigen Produkten aus dem Sortiment unseres Partners Appel.
Da die Wettervorhersage für diese Woche in Shanghai zudem eine eher ungemütliche Witterung verspricht, mutet die folgende Auswahl meines Reisetascheninhalts zwar etwas befremdlich für eine Reise zu einem Beachvolleyballturnier an, ist in diesem Falle aber nicht unwichtiger als Unterwäsche oder mein Rückengurt ;)
Mittlerweile befinden sich die essbaren Utensilien auf dem Foto zwar noch nicht in meinem aber doch hoffentlich im Bauch unserer Egypt-Air-Maschine und kommen später dann ohne Zwischenfälle durch den chinesischen Zoll...
Sollte dies nicht der Fall sein, kenne ich jedenfalls jetzt schon den Aufmacher für meinen nächsten Beitrag und verbleibe bis dahin mit einem lautschriftlichen "Zaitscheh". So verabschiede ich mich jedenfalls immer von unseren chinesischen Freunden auf der Tour und sie tun daraufhin zumindest immer so als hätten sie mich verstanden...
In diesem Sinne, ein schönes Wochenende!
www.brink-reckermann.de
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