Slacklining wird im Alltag immer beliebter – aber auch immer extremer. 3 Jungs haben auf der Slackline die Raffinerie in Ingolstadt überquert. In 70 Meter Höhe. Wir haben Johannes Olszewski zu diesem fast legalen Balanceakt interviewt. Und wir sagen dir, warum der Tanz auf dem Seil ein perfektes Ganzkörpertraining ist.
Slacklining schärft die Konzentration auf den Augenblick. Es zählt immer nur der nächste Schritt. Alles, was ein Anfänger dafür braucht, ist eine Slackline („schlaffe Leine“) und zwei Bäume. Bei Anfängern ist die Line bis zu 5 Zentimeter breit und 15 bis 20 Meter lang, Profis gehen auf 2,5 Zentimetern. Starterkits gibt es ab ca. 60 Euro im Handel.
Aus medizinischer Sicht bekommt die Trendsportart das Prädikat „wertvoll“: Durch das Balancieren auf dem eher locker gespannten Band entstehen Schwingungen, die der Körper ausgleichen muss, um nicht zu fallen. Das beansprucht speziell die Feinmuskulatur rund um die Wirbel sowie die Tiefenmuskeln in Rumpf und Beinen. Außerdem werden Gleichgewichtssinn, Reaktionsvermögen, Koordination und Konzentration trainiert.
Der Sprung von der Trendsportart zur Extremsportart kann beim Slacklining schnell gehen. Johannes Olszewski zum Beispiel hat erst 2008 damit begonnen. Vier Jahre später hat er bereits 100 Begehungen, darunter eine in der Eiger Nordwand, und 40 Erstbegehungen auf seinem Konto. Seine Spezialdisziplin ist Highlining, also das Gehen in großer Höhe. Sein Rekord liegt bei knapp 1.000 Meter!
Gemeinsam mit Alexander Schulz und Anatolij Maltsev von One Inch Dreams hat er dem Urban Highlining in Deutschland eine neue Dimension gegeben – in der Raffinerie in Ingolstadt. Das Band war auf rund 70 Meter Höhe zwischen einem Silo und einem Schornstein befestigt und 50 Meter lang. Wir haben mit Johannes über diesen Balanceakt im Grenzbereich des Machbaren und im Graubereich des Legalen gesprochen:
Dein Team One Inch Dreams hat vor kurzem ein ziemlich Aufsehen erregendes Projekt abgeschlossen. Erzähl mal...
Wir haben vor zwei Monaten bei einer Ölraffinerie in Ingolstadt einen ziemlich genialen Spot entdeckt – in einem verlassenen Industriezentrum, wo die meisten Gebäude bereits abgerissen wurden. Die Natur hat diesen Ort schon ein Stück weit zurückerobert. Da war zum Beispiel eine Rehfamilie, die in einem Drahtgeflecht gehaust hat.
Wie viele Highlines habt ihr dort gespannt?
Insgesamt waren es Drei. Die Letzte war mit einer Länge von 47 Metern und Höhe von 70 Metern die mit Abstand spektakulärste. Aufgebaut wurde sie in zwei Nacht- und Nebel-Aktionen. Am dritten Tag, es war ein Sonntag, ist sie Alex aus unserem Team gelaufen – im Morgengrauen, kurz nach vier Uhr in der Früh.
Warum habt ihr die Aktion nicht bei Tageslicht durchgezogen?
Weil das alles ziemlich illegal war. Einer von uns wurde sogar erwischt, die anderen konnten noch rechtzeitig abhauen. Das war ziemlich abenteuerlich. Es gab aber letzten Endes keine nennenswerten Konsequenzen.
(c) Matthias Fend - Photography
Wie gefährlich ist Highlining eigentlich?
Die Gefahr ist wahrscheinlich am größten, wenn ich mit dem Auto zu einem Spot hinfahre. Grundsätzlich zählt Slacklining zu den sichersten Sportarten der Welt, weil man ja gesichert ist. Gefährlich sind eigentlich nur der Auf- und Abbau der Lines und das Klettern, um überhaupt zum Spot zu kommen. Das hält sich aber alles im Rahmen.
Gibt es trotzdem Gefahrenquellen, die man nie ganz ausschließen kann?
Man kann nichts ausschließen, aber die Gefahren minimieren. Wenn schlechtes Wetter kommt, muss man eben aufhören. Dasselbe gilt, wenn das Gestein porös ist und die Anker nicht gut halten. Letzten Endes entsteht die Angst nur im Kopf.
Es gibt ja auch Leute, die ohne Sicherung laufen. Was hältst du davon?
Ich finde, das ist eine sehr interessante Form des Highlinens. Man darf sich halt nicht mehr zumuten, als man kann. Falls ich mich irgendwann entschließen würde, so etwas zu machen, dann würde ich nicht länger oder höher klettern, als mein Gefühl es mir sagt.
Welche Highline willst du in deinem Leben unbedingt noch laufen?
Wir suchen noch nach der perfekten Location – sowohl in den Bergen als auch in urbanem Umfeld. Die Highline sollte hoch sein und lang. Außerdem sollte der Ort eine bestimmte Ästhetik haben. In den Bergen darf der Zustieg ruhig schwierig sein, darauf stehen wir. Und eine phänomenale Aussicht wäre auch nett.
Hast du zum Schluss noch einen Ratschlag für Anfänger parat?
Durchhaltevermögen ist superwichtig. Am Anfang ist es wahnsinnig schwierig, alleine auf einer Slackline zu stehen und die ersten Schritte zu machen. Sobald das geschehen ist und man genügend trainiert hat, kommt alles wie von selbst. Dann ist es einfach die geilste Sportart, die es gibt.
Und was sollte man beim Kauf einer Slackline beachten?
Zuerst mal würde ich mir eine Elephant Slackline besorgen. Das ist ein Anbieter, der mit das größte Sortiment hat und relativ günstig ist. Für Anfänger reicht eine kurze Slackline, wer aber schon Erfahrungen hat, sollte sich zumindest ein 30 Meter langes Band kaufen.
One Inch Dreams im Internet und auf Facebook
Urban Slacklining: Raffinerie Ingolstadt - die Gallery
Kommentare
Einen Kommentar hinzufügen