trenkwalder Foto: Red Bull.

Abfahrtsläufe sind eine Wissenschaft, sagt Robert Trenkwalder (62). Warum sein Schützling Linsey Vonn den Weltcup dominiert, wieso es den perfekten Athleten nicht gibt und was die Krise der Ski-Herren ausgelöst hat, erklärt er hier.

Endlich, das Handy klingelt. Rückruf Trenkwalder. Der Chef der Red Bull Athletes Special Projects (ASP)* und ehemalige Trainer der österreichischen Abfahrtsmannschaft ist nicht einfach zu erreichen. Gerade befindet er sich dort, wo sich für ihn der Großteil des Lebens abspielt: auf der Piste. Ab und zu pfeift der Wind am Berg durchs Telefon. Dem Tiefgang des Gesprächs tut dies keinen Abbruch.

Herr Trenkwalder, Lindsey Vonn hat in der vergangenen Saison die Speed-Disziplinen dominiert. Kommt ihr Fahrstil Ihrer Vorstellung von einer perfekten Athletin schon nahe?
Man muss zuerst einmal sagen, dass Lindsey vor einem Jahr die Skier, die Schuhe, die Bindung und die Platten gewechselt hat. Das sind gleich vier Komponenten. In so einem Fall muss man normalerweise froh sein, wenn man das Ergebnis vom Vorjahr irgendwie hält. Bis man sich ganz daran gewöhnt, braucht es auf unserem Niveau normalerweise ein bis zwei Jahre. Daher ist es eine Wahnsinnsleistung, dass sie in beiden Speed-Disziplinen wieder auf diesem Niveau gefahren ist. Hier haben die Spezialisten von Head großartig gearbeitet. Die Leute auf der ganzen Welt schalten den Fernseher ein und sagen: „Dieses Rennen gewinnt eh’ die Lindsey Vonn“.

Was unterscheidet Lindsey von anderen Spitzenläuferinnen im Weltcup?
Es ist das Gesamtpaket aus der körperlichen Weiterentwicklung, die sie im vergangenen Jahr gemacht hat und ihrem Trainingsprogramm. Was sie den anderen voraus hat, ist ihre enorme Konstanz. Dass eine Fahrerin Abfahrt und Super-G dermaßen dominiert, ist schon sehr selten.

Gibt es Fahrerinnen, die Lindseys Vormachtstellung in nächster Zeit brechen könnten?
Es gibt drei bis vier andere Spitzenläuferinnen, die schnell und gut fahren. Hut ab vor einer Maria Riesch. Eine Läuferin, die genial fährt und bei allen fünf Disziplinen auf dem Stockerl steht. Eines ist klar: Lindsey muss jede Saison außergewöhnliche Leistungen bringen, um wieder ganz vorne zu sein.

Ist es ein Vorteil, dass sie in der Abfahrt auf Männerskiern fährt?
Für mich gibt es keine Frauen- oder Männerski. Es gibt nur Ski, mit denen man schwerer oder leichter, das heißt härter oder weicher fahren kann. Jede Weltklasse-Skifahrerin wird für sich nur das beste Material nehmen, das ihr zur Verfügung steht. Es gibt hier nur das Kriterium des Könnens. Die Zeit entscheidet. Und Lindsey kann aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung Skier fahren, die anderen Damen nicht so entgegen kommen.

Man hatte nach den vielen Stürzen in der Olympia-Abfahrt den Eindruck, die Piste sei für viele Läuferinnen zu schwer. Teilen Sie diesen Eindruck?
Eine Abfahrt, die zu schwer ist, gibt es meiner Meinung nach nicht. Nur Läuferinnen, die sich zu wenig auf solchen Bedingungen vorbereitet haben oder körperlich nicht in der Lage sind, sie zu absolvieren. Die Abfahrt war hochgradig Olympiawürdig. Sehr selektiv, technisch und taktisch sehr anspruchsvoll. Dazu kam noch, dass die Damen nur einmal auf der Strecke trainieren konnten. Dadurch hat sich die Weltklasse klarer herauskristallisiert.

„Lindsey kann aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung Skier fahren, die anderen Damen nicht so entgegen kommen."

Wie motiviert man eine Athletin, die alles gewonnen hat, für die nächste Saison?
Lindsey hat noch keine Slalom- und Riesentorlauf Weltcup-Kugel gewonnen. Bei Olympischen Spielen gibt es auch in anderen Disziplinen als Abfahrt und Super-G noch Medaillen zu gewinnen. Es gibt noch genug Rekorde zu brechen. Wenn man bedenkt, wie viele Rennen eine Annemarie Moser-Pröll, Renate Götschl oder Freni Schneider gewonnen haben. Das waren schon außergewöhnliche Leistungen. Lindsey Vonn ist auf dem besten Weg, im Skisport auch neue Akzente zu setzen.

Ihr zweiter Schützling, der Kanadier Erik Guay, hat nach mäßigem Saisonstart den Super-G-Weltcup gewonnen. Woher kommt diese Leistungsexplosion?
Eriks Leistungen waren beim Training im Herbst weder in der Abfahrt, noch im Super-G zufriedenstellend. Vor allem in der Abfahrt ist er hinter seinen Möglichkeiten geblieben. Nach jedem Training für die Streif – ich habe ihn selten so verkrampft fahren gesehen – haben wir uns zu einem Gespräch zusammengesetzt um zu erörtern, was mit ihm los ist. Wir haben versucht, uns neu zu orientieren – auch im Hinblick auf Olympia.

In Kitzbühel ist Erik Fünfter im Super-G geworden.
Kitzbühel war so etwas wie eine Trendwende. Erik ist ein Fahrer, der sehr schwer aus seinem Eck herauskommt, wenn es nicht so gut läuft. Aber wenn er spürt, dass er Chancen aufs Podest hat, hilft ihm das eher.

Das mentale Training macht wohl einen großen Teil Ihrer Arbeit aus?
Ja, nach Olympia war Erik wie verwandelt. Ein Grund, warum wir ihn vor 4 Jahren ausgesucht haben, waren ja auch die Olympischen Spiele in seiner Heimat. Damals war er 24, was ja für einen Abfahrer kein Alter ist. In Abfahrt und Super-G haben ihm in Vancouver nur je drei Zehntel auf Gold, nur wenige Hundertstel auf eine Medaille gefehlt. Das waren zwei sehr gute Leistungen. Aber man registriert solche Leistungen in der Öffentlichkeit nicht so sehr, wenn keine Medaille dabei herauskommt. Ab dem Zeitpunkt, wo er in Kanada war, war er wie verwandelt, da er sich auf dieser Strecke schon immer sehr wohlgefühlt hat.

Das positive Erlebnis Olympia hat ihn also fürs Saisonfinale stärker gemacht?
Ja, nach Olympia haben wir gewusst, dass er wieder da ist und einen weiteren Schritt nach vorne machen kann. Das hat er mit seinen zwei Siegen im Super-G in Kvitfjell und Garmisch auch bewiesen und mit dem Gewinn des Weltcups. Erik ist der erste Kanadier, der je eine Einzelweltcup-Wertung im Super-G gewinnen konnte.

„Es gibt keinen perfekten Skifahrer. Es gibt nur einzelne Menschen mit besonderen Eigenheiten."

Wenn Sie sich den perfekten Skifahrer zusammenbauen könnten, welche Eigenschaften müsste dieser haben?
Ich bin kein Hypothetiker. Den perfekten Skifahrer kann man nicht bauen, es gibt keinen perfekten Skifahrer. Es gibt nur einzelne Menschen mit besonderen Eigenheiten, und die soll man so lassen wie sie sind. Ein Aksel Lund Svindal oder ein Carlo Janka, das sind alles geniale Fahrer – aber auf ihre eigene Art und Weise. Oder ein Didier Cuche. Hut ab vor dieser Leistung in seinem Alter. Aber das sind alles verschiedene Typen und das ist gut so.

Österreichs Herren haben die Saison ohne einen einzigen Abfahrtssieg abgeschlossen und sind bei Olympia ohne Medaille geblieben. Ihr Urteil als ehemaliger Herren-Abfahrtstrainer: Gibt es eine Krise, oder kommen solche Saisonen vor?
Wenn man in der Abfahrt über die gesamte Saison hinweg keinen einzigen Sieg holt, ist es nicht verwunderlich, dass es in dieser Disziplin auch keine Olympiamedaillen gibt. In den technischen Disziplinen war das ja anders. Ich sehe das realistisch. Meiner Meinung nach war der gravierende Fehler, dass man damals die Abfahrtsmannschaft aufgelöst hat. Die Abfahrt ist eine eigene Wissenschaft. Man muss sich ununterbrochen mit den speziellen Eigenschaften der Läufer und dem Berg beschäftigen.

Was zeichnet einen erfolgreichen Abfahrer aus?
Wir brauchen keine Zirkusakrobaten, die in allen fünf Disziplinen aufs Podest fahren. Wir brauchen Abfahrer-Typen. Ich habe damals mit dem jungen Hans Grugger oder mit Andi Buder begonnen zu arbeiten. Beim Buder haben sie gesagt „Der kann ja nur geradeaus fahren“, da hab ich gemeint „Das Kurvenfahren werd ich ihm schon lernen.“ Ein Abfahrer muss viel Herz und Liebe zur Geschwindigkeit haben. Die Bereitschaft zum kalkulierten Risiko, ganzen Einsatz bereits im Training und eine gute konditionelle Basis wegen der Verletzungsgefahr.

Eine letzte Frage: Der Frühling steht vor der Tür. Wo verbringen Sie Ihre schneefreie Zeit?
Erst wird kritische Bilanz über die abgelaufene Saison gezogen, noch einzelne Tests gemacht und dann wieder die Planung der Einsätze für die Athleten erstellt. Wir haben in den ASP (Athletes Special Projects) von Red Bull auch drei Weltklasse-Kletterer, die wir auch ordentlich unterstützen wollen. Es ist schon recht, dass es draußen jetzt wieder grün wird. Dann beginnt die Klettersaison.

www.lindseyvonn.com
www.erikguay.com

*Seit 2006 leitet Robert Trenkwalder Red Bull Athletes Special Projects (ASP). Im Team mit Spezialisten analysiert der Tiroler Trainingsstrategien ausgesuchter Spitzensportler, erkennt zusätzliche Needs und entwirft additive Programme, die in den Trainingsplan der Athleten eingeflochten werden. Über ASP betreut Trenkwalder derzeit die US-Skifahrerin Lindsey Vonn, den kanadischen Abfahrer Erik Guay und die drei Tiroler Kletterer Angela Eiter, David Lama und Kilian Fischhuber.


Kommentare

    Einen Kommentar hinzufügen

    * Alle Felder müssen ausgefüllt werden
    Es sind nur 2000 Zeichen erlaubt :
    Gib das Word auf der linken Seite ein und klicke auf "Kommentar abschicken".

    Artikel Details