Maya Gabeira (c) Dove Shore/Red Bull Content Pool

Es ist ein Kampf David gegen Goliath: Maya Gabeira ist 1,68 Meter groß, ihre Gegner sind 14 Meter hohe Monsterwellen. Aber die zierliche Brasilianerin mit den revolutionären Wurzeln bezwingt sie alle. Mit 24 Jahren ist sie die beste und erfolgreichste Surferin des Planeten. Der Kampf hat viele Spuren auf ihrem Körper hinterlassen und ihr trotzdem das Leben gerettet.


Mit 14 Jahren hat Maya Gabeira gleich zweimal den Boden unter den Füßen verloren. Da war – erstens – die Scheidung der Eltern. Es folgten Alkohol, Zigaretten und alles, was das Nachtleben hergibt. Das hätte auch schief gehen können. Aber dann ist Maya – zweitens – zum ersten Mal in ihrem Leben auf ein Surfboard gestiegen und hat sich in der Sekunde in diesen Sport verliebt. Talent? Sie brauchte zumindest fast einen Monat, um sich im seichten Weißwasser überhaupt auf dem Brett zu halten...

Als Austauschschülerin in Australien, an der Goldküste, surfte sie dann ein Jahr lang täglich. Zurück in Rio, zog sie in ein kleines Hotel am Strand. Aus dem eigensinnigen Mädchen, das sich vor allem für das Nachtleben begeistert hatte, war ein wellenjagender Wildfang geworden. Gleich nach dem Schulabschluss zog sie nach Hawaii. Allein. Da war sie siebzehn.

Ihre erste Erfahrung: Surfer sind Machos, die ihr Revier gegen unerwünschte Eindringlinge verteidigen. Der Nordstrand von Oahu hat mit seinen bis zu zwanzig Meter hohen Brechern zwar Kultstatus bei den Big-Wave-Surfern, ist aber in Wirklichkeit ein von Männern dominiertes Haifischbecken, zu dem nur geprüfte Surfer Zutritt erhalten.
 

 


Also jobbte Maya anfangs als Kellnerin, las den Gästen aus der Speisekarte vor und warf daneben begehrliche Blicke auf die Riesenwellen, die am Strand von Waimea Bay ans Ufer rollten. Bis es ihr zu dumm wurden und sie begann, auf einem geborgten Board hinaus in die Wellen zu paddeln, auch an den schlimmsten Tagen, wenn es in Strömen auf die giftig-weißen, haushohen Wellen regnete.

Im Februar 2006, zwei Jahre nach ihrer Übersiedlung, fing sie ihre ersten großen Wellen, vier 14-Meter-Dinger. Die Einheimischen schauten zu, und bald darauf sahen sie und auch alle anderen Big-Wave-Surfer in Maya nicht mehr den obskuren Zaungast, sondern akzeptierten die junge Brasilianerin als ihresgleichen. Ihr Landsmann Carlos Burle nahm sich Gabeiras an. „Etliche meiner Kumpels sagten zu mir: ‚Was machst du da? Du bringst das Mädel ja um!‘", erinnert sich Burle. „Ich aber sagte: ‚Sie will es, und wenn ich es ihr nicht beibringe, macht's ein anderer. Und das Wichtigste: Sie ist bereit dafür. Sie trainiert - und das mehr als ihr und ich.‘"

Carlos sollte Recht behalten. Maya Gabeira ist heute die beste und erfolgreichste Surferin des Planeten, die den „XXL Big Wave Award“ für Frauen fünfmal in Serie gewinnen konnte.

Ihre größte Sammlung sind jedoch die Narben. Dutzende Male brach sie sich ihr Nasenbein, ihr Körper ist übersäht von kleinen Narben. Einmal musste sie ein Training am Strand von Dungeons in Südafrika unterbrechen, weil ein weißer Hai immer wieder unter ihrem Surfbrett schwamm. Und dann schlug sie sich auf der Insel Sumatra den Kopf auf. Die Wunde musste auf einem Boot von einem anderen Surfer genäht werden. „Ich bekam Fieber, mir war übel, und ich habe mich fünf Tage nicht bei meinen Eltern gemeldet.“ Und das ist ungewöhnlich für sie, denn normalerweise ruft sie täglich bei ihrer Mutter an, die nach wie vor in Rio lebt. „Meine Eltern sterben tausend Tode vor Angst, dass ich wieder einen Unfall haben könnte. Aber ich glaube, dass mir nichts richtig Schreckliches passieren wird. Und wenn doch, dann ist das eben Schicksal.“

Vater Fernando Gabeira darf seine Tochter auf Hawaii übrigens nicht besuchen. Wegen der Entführung des amerikanischen Botschafters Charles Elbrick als Mitglied einer Untergrundgruppe während der Militärdiktatur darf er nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen. Damals wurde er angeschossen, festgenommen und später als einer von 40 inhaftierten Oppositionellen gegen den ebenfalls entführten deutschen Botschafter Ehrenfried von Holleben ausgetauscht. Nach Jahren im Exil arbeitete Gabeira als Journalist und war im Wendejahr 1989 Berlin-Korrespondent für die renommierte brasilianische Tageszeitung „Folha de São Paulo“. Zurück aus Berlin, besuchte Maya Gabeira in Brasilien einen deutschen Kindergarten und ging später in die deutsche Schule. Eine Kostprobe Deutsch gibt sie aber nicht mehr, denn: „Ich habe leider alles wieder vergessen...“

 


 


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