Über kurz oder lang muss so ein Typ mit Publikumszuspruch beschenkt werden. Sonst würde er Massenmörder von Beruf. The Gaslamp Killer ist da.
„Papa, was macht der Mann da?!“ Berechtigte Frage eines jüngeren Zuhörers beim Sonar Festival 2009 in Barcelona. „Der Mann“ heißt William Benjamin Bensussen, nennt sich The Motherfucking Gaslamp Killer, schüttelt seine wogenden brustlangen Locken wie das Biest aus der Muppet-Show, kreischt, hüpft und bedient zwischendurch immer wieder mal ein paar Equaliser-Knöpfe oder einen Fader.
Am Ende seines Sets wird er artgerecht eingefangen und nach einem ebenso fröhlichen wie gelungenen Ausbruchsversuch von helfenden Händen hinter die Bühne verfrachtet. Zurück bleibt ein Publikum, dessen Stimmung zwischen den Koordinaten blankes Entsetzen, musikalische Überforderung und dem Verlangen nach Mehr oszilliert.
Seit 2005 ist das Orange County das bevorzugte Jagdrevier des Gaslamp Killers. Jeden Mittwoch bespielt er mit seiner Brainfeeder-Crew den Low End Theory Club in Downtown L.A. mit Psychedelic, Glitch, Avant Rap und Dubstep. Der Clubabend gilt mittlerweile als einer der einflussreichsten der Welt.
Ursprünglich aus dem schnieken Gaslamp-Viertel San Diegos stammend, dürften dem Musiker und gelernten B-Boy bei diversen Acid Tests an der High School die Synapsen durchgeschmort sein. „I was a fucking mess“, meint der Killer über diese Epoche und lebt seither mit Leib und Seele für seine Musik.
Wie sie klingt? Jenseits von Gut und Böse, musikhistorisch erleuchtend und physisch unwiderstehlich, denn wenn „GLK“ hinter seinen Gerätschaften tobt, reihen sich die unterschiedlichsten musikalischen Gegensätze aneinander – allerdings unter ständiger Rücksicht auf den jeweiligen (stets hohen) Aggregatzustand der Party.
Einleitendes elektronisches Elektrogefiepse aus einer Tierhandlung des Grauens, ein Stückchen Easy Listening from Hell, das den Takt vorgibt, gefolgt vom Refrain von A Tribe Called Quest’s Electric Relaxation in einem nie gehörten Metal-Mix. Dann plötzlich aus heiterer Hölle vier Takte „Fire“ von Jimi Hendrix. Statt des sinnstiftenden Wortes im Refrain („Let me stand next to your ...“) setzt dann aber ein bohrender, brutzelnder Elektrobeat ein, der sämtliche Hosenbeine im Umkreis von zwei Kilometern zum Flattern bringt. Eine Gaslamp Killer-Setlist ist wie ein .38er-Revolverschuss durch sämtliche Genreschubladen.
Die letzte Meldung auf Youtube zeigt den Gaslamp Killer bei einer rituell-radikalen Frisurpflege im Sonnenuntergang über L.A.. Und auch beim Haare schneiden, macht der Musiker keine Gefangenen: Vom wildem Wuschelkopf auf Stoppelglatze à la American History X. Im Super-8-Film, der diesen Einschnitt in die Karriere des Killers dokumentiert, tauchen auch ein paar seiner Partners in Crime auf, allen voran der hochtalentierte Flying Lotus-Protegé Gonja Sufi, mit dem GLK die psychedelischen Moritat „Kobwebs“ erspann und einspielte.
Eine erste Gaslamp-Killer-EP mit Beats gibt es auch schon. Dass die Tracks auf „My Troubled Mind“ ein ganz anderes Paar Schuhe als seine Live-Performances sind, dürfte erfahrene Clubbesucher ebenso wenig überraschen wie die Tatsache dass sie ebenfalls allererste Güte sind: Balalaika-Beats mit Sonnenstich, angstschweißkorrodierte Antifolk-Songs, Calexico-ähnliche Instrumentals mit zeitverzögernden Meskalin-Momenten – ideale Stubenmusik für einen beschaulichen Poker-Abend mit Charles Manson und seiner lieben Familie.
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