Nach dem alles andere als erfolgreichen Auftritt unseres deutschen Fahrers in Spa sagt Mister Coulthard, er wisse, wie sich Sebastian nach dem Crash in Belgien fühle…
Als ich meine Formel 1-Karriere 1994 begann und in jener Saison acht Rennen bestritt, unterliefen mir kaum Fehler. Alle schrieben sehr nett über mich.
In meiner Naivität nahm ich an, alle Journalisten seien meine Freunde, und meine Brust war stolzgeschwellt. Dann brachte 1995 eine Phase, in der es mir gelang, fünf Pole-Positions heimzufahren, von denen ich lediglich eine in einen Sieg ummünzen konnte. Auf dem Nürburgring drehte ich mich im Verlauf der Formationsrunde zweimal und musste anschließend an den Boxen in das Ersatzauto umsteigen. In Monza kreiselte ich während der Installationsrunde - das Rennen fand anschließend ohne mich statt. In Adelaide knallte ich - ohne dass ich unter Druck seitens meines Teamkollegen stand - in die Boxenmauer. Alle schrieben hässliche Dinge über mich.
In meiner Naivität nahm ich an, alle Journalisten würden mich hassen. Ich erinnere mich an die Top 10 des Jahres, die im Jahrbuch Autocourse erschien. Einer der anerkanntesten F1-Reporter jener Tage schrieb: „David hat die erstaunliche Fähigkeit, so über einen Vorgang zu sprechen, als habe er selbst gar nicht am Steuer des Autos gesessen.“ Die Schlussfolgerung davon war, dass ich nicht bereit war, die Verantwortung für meine Fehler zu übernehmen. Ich konnte kaum glauben, was ich las.
Ich erinnere daran, weil es mich einige Zeit kostete, bis mir klar war, dass dies ein Kampf ist, den man nicht gewinnen kann. Es gab nie irgendwelche persönlichen Feindseligkeiten gegen mich. Es gab nur Storys. Die Formel 1 ist ein Sport, der ganz im Zeichen der Medien steht, und von den Journalisten wird erwartet, dass sie die Story von „The Good, the Bad and the Ugly“ bringen. Sebastian sollte sich bewusst sein, dass die Messer nun mit Blick auf ihn gewetzt werden.
Sebastian ist ein unglaublich schneller und talentierter Fahrer. Im Alter von 23 Jahren hat er bewiesen, dass er Rennen gewinnen kann - und dies in beachtlicher Manier. Ich glaube nicht, dass es im Fahrerlager viele Leute gibt, die nicht glauben, dass er nicht irgendwann Weltmeister wird. Unverändert kann er sich den Titel in diesem Jahr holen. Woran es ihm im Vergleich mit den anderen vier Mitstreitern im Titelkampf mangelt, ist Erfahrung. Vettel hat gut 50 Grand Prix auf dem Buckel. Jenson Button ist Weltmeister, und er blickt auf mehr als 180 Grand Prix zurück. Fernando Alonso war zweimal Weltmeister, er nahm an über 150 Grand Prix teil. Mark Webber konnte zehn Jahre länger F1-Erfahrungen sammeln als sein deutscher Teamkollege. Der einzige Mitstreiter im Titelkampf, der auf ähnlich viele Starts wie Sebastian zurückblickt, ist Lewis Hamilton. Aber der betrat die F1-Bühne als fertiger Fahrer, denn er wurde zuvor seit seinem zwölften Lebensjahr von McLaren gehegt und gepflegt. Er stieg aus der GP2 auf und wechselte nicht das Team, während er den ganzen Rummel kennen lernte. Sebastian wechselte von Sauber-BMW zu Toro Rosso (als Fahrer dieses Teams wurde er der jüngste F1-Sieger aller Zeiten), und nun bestreitet er seine zweite Saison für Red Bull Racing, und es ist seine zweite Saison, in der er am Titelkampf teilnimmt.
Ich möchte klarstellen, dass es mir nicht darum geht, die dicken Böcke zu entschuldigen, die Sebastian in der jüngeren Vergangenheit schoss. Seine Reaktion nach der Kollision mit Mark in der Türkei war schwach. In Ungarn unterlief ihm ein dummer Fehler, als er sich hinter dem Safety-Car zu weit zurückfallen ließ. Und am letzten Wochenende in Belgien war es eindeutig sein Fehler, als er Jenson Button abschoss und damit aus dem Rennen warf. Er verlor die Kontrolle über sein Auto. Plötzlich fragen die Leute, ob Sebastian von der Rolle gekommen ist, ob sich der Druck, dem er in der aktuellen Lage ausgesetzt ist, bemerkbar macht. Martin Whitmarsh hat das Feuer mit den Bemerkungen, die er nach dem Rennen machte, geschürt, als er Sebastian als „Crash-Kid“ beschrieb und die Durchfahrtsstrafe als „milde“ bezeichnete. Martin hat natürlich begründetes Interesse daran, den Druck auf seine Rivalen zu erhöhen, ganz zu schweigen davon, dass er seinen eigenen Fahrern den Rücken stärken will.
Persönlich glaube ich nicht, dass es am Druck liegt. Im Cockpit befindet sich der Fahrer in gewohnter Umgebung. Wenn ich Rennen fuhr, hatte ich nie das Gefühl, unter Druck zu stehen. Druck entsteht, wenn man in einer bestimmten Situation die Kontrolle verliert. Ich beobachte Sebastian aus der Nähe und kann das nicht feststellen. Ich sehe einen jungen Mann, der darunter leidet, Rückschläge verdauen zu müssen. Er bemüht sich darum, ruhig und konzentriert zu bleiben. Er versucht, die Kritik nicht an sich heran zu lassen, so wie er sich darum bemühte, dass ihm die Lobeshymnen nicht zu Kopf steigen. Wenn er auf Spa zurückblickt, dann wird er feststellen, dass es nicht notwendig war, Jenson an dieser Stelle zu überholen. Er hatte das schnellere Auto. Es hätten sich bessere Möglichkeiten ergeben. Man muss sich nur anschauen, was Fernando passierte, um zu verstehen, dass unter derartigen Bedingungen jedermann Fehler unterlaufen können.
Festzuhalten ist, dass Sebastian ein verdammt schneller Fahrer ist, der aufgrund von Erfahrungsmangel einige kostspielige Irrtümer beging. Diese möchte ich - wie gesagt - nicht entschuldigen. Die F1 ist keine Nachhilfeschule. Ich möchte lediglich festhalten, dass die Irrtümer verständlich sind.“
Dieser Text erschien zuvor in der englischen Tageszeitung The Daily Telegraph, für die DC nach jedem Rennen eine Kolumne für die Dienstagsausgabe schreibt.
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