Zum zehnten Mal war Berlin vergangene Woche Schauplatz eines Szenarios der Extravaganz: der Fashion Week. Unsere „Rasende Reporterin“ Alisa Reimer war für uns bei allen wichtigen Events dabei.
Unzählige Designer, die einen schon fest etabliert, andere noch in den Startlöchern ihrer Karriere, nutzten die Anziehungskraft der Stadt zur Präsentation ihrer Herbst- und Winterkollektionen für 2012/2013. Vom Brandenburgertor über Kreuzberg bis nach Tempelhof: Die Fashion Week (17.- 22. Januar 2012, Anm.) versteckte sich nicht. Man sah sie. Man fühlte sie.
Es geht nicht immer ums Geld
Je grauer der Himmel über Berlin, desto funkelnder waren die neuen Kollektionen und strahlenden Gesichter ihrer Schöpfer. So zum Beispiel Alicia Losekandt, 27, Designerin von Julice en rêve. Vor zwei Jahren absolvierte sie eine Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) mit Diplom. Heute betreibt sie zusammen mit Kollegin Juliane Binroth ihr eigenes Label. „Für die neue Kollektion haben wir uns von einer Bluse meiner Oma aus den Vierzigern inspirieren lassen“, erzählte Alicia während sich immer mehr Leute in den Pop-Up Shop im Hackeschen Quartier drängten.
Die Jungdesignerinnen von Julice en rêve freuen sich, eine Plattform wie diese nutzen zu können. Denn nach der Eröffnungsveranstaltung von Nude stand der Showroom den Designern bis zum Ende der Fashion Week zur Verfügung.
Von ihrer Arbeit leben können die zwei Künstlerinnen noch nicht. Aber wahrscheinlich ist es das, was die Berliner Fashion Week so speziell macht: Potential der Designer und ihrer Arbeiten wird nicht an den Verkaufszahlen gemessen.
Kunterbunt und eigenwillig
In der Oranienburger Straße in Mitte schien sich der Nabel der Stadt zu befinden, wenn es um alternative Kunst im internationalen, politischen und gesellschaftlichen Sinne geht. Mittelpunkt des Geschehens war das Kunsthaus Tacheles.
Im Erdgeschoß wirkte das Gebäude mit dunklen, schmutzigen Gängen und flackerndem Neonlicht unscheinbar. Im ersten Stock herrschte ein anderes Bild: Dort fand die Premiere der zweiten Runde des Eastpak Artist Studios statt.
Der Prototyp eines Eastpak-Klassikers war unter den ganzen Nieten, Perlen und bunten Stofffetzen jedoch kaum zu erkennen. Die Rucksäcke sind „von führenden kreativen Köpfen der Welt“ gestaltet, wie Produkt-Direktor Toon Kympers verkündete. Das Beste daran: „Alle Einnahmen gehen an die ehrenwerte Wohltätigkeitsorganisation Designer Against Aids“.
Als gäbs kein Morgen mehr
Und was macht Berlin noch aus? Richtig, exzentrische Partys, die prädestiniert dafür sind, den Zelebrierenden sämtliche Kräfte abzuverlangen. Genau diese Charakteristika beschreiben die „High Voltage“ Opening-Party von Bread and Butter im ehemaligen Flughafengelände Tempelhof. Eingeleitet wurde diese mit der Live Show „Fuerza Bruta“, die einzigartiger nicht sein hätte können: Von in der Luft schwebenden Tänzerinnen bis hin zu einem riesigen Wasserbassin, in dem Akrobaten direkt über den Köpfen der Zuschauer in abstrakten Bewegungen schwammen.
Ebenfalls völlig losgelöst war die Party der Modemesse Premium im Cookies. In kurzen, von Hosenträgern festgeschnallten Lederhöschen schleppten die Barmänner palettenweise Red Bull an die drei Bars des Clubs. Das war auch notwendig, um den Energiebedarf der tanzenden und noch lange nicht gehen wollenden Besucher zu decken.
Zur Schau gestellt
Im Gegensatz zu manchen Shows, bei denen die Mode ästhetisch äußerst reizvoll, aber viel zu exotisch für ein Leben fernab des Laufsteges ist, glänzte die Modemesse Premium mit einem Repertoire ausschließlich tragbarer Fashion sämtlicher Designer.
Von Anja Gockel über die Berliner Marke Liebeskind bis hin zu Eyewear von Zac Posen: Im alten Postgüterbahnhof am Gleisdreieck gab es auf 20.000 Quadratmetern Fläche für Einkäufer sämtlicher Läden und Länder einiges zu bestaunen.
Ein ähnliches Bild herrschte bei der Modemesse Bread and Butter. Zum vierten Mal wurde der denkmalgeschützte Flughafen Berlin-Tempelhof zu einem Mode-Mekka umfunktioniert und präsentierte auf einem Gelände von über 70.000 Quadratmetern hunderte Brands aus Europa wie aus Übersee.
Eine Chipkarte wurde vor Betreten der Stände erst einmal gescannt. Gehörte man zur Konkurrenz, war der Zutritt untersagt. Irgendwie herrschte ein Feeling wie in einem Patentamt: alles streng geheim, hinsehen verboten.
Das ist wohl das Einzige, was nicht ganz zu Berlin passt: Wenn die Mode beginnt, sich selbst zu ernst zu nehmen. Internationales Regelwerk macht eben auch vor der deutschen Musen-Stadt keinen Halt.
Mein Resümee nach fünf Tagen Fashion im Überfluss
Mode ist sicher nicht das Wichtigste auf der Welt – auch wenn einige ihrer Macher von dieser These überzeugt sind. Es ist dieser Tage vielmehr die Zusammenkunft kreativer Köpfe, Interessenten, Schöngeister, Genießer und Kenner in einer Zeitspanne, in der alle nur an dem einen - der Mode - interessiert sind.
Die Fashion Week ist hier längst nicht so verwurzelt wie in Paris und New York. Ein Grund mehr für alle Beteiligten, sich auf eine Fortsetzung im Sommer zu freuen, um erneut ein formender Teil des sich stets wandelnden, von sämtlichen Konventionen befreiten Events zu sein. Global, vielfältig, jung und eben individuell statt Mainstream: Dass die Eigenschaften dieser fünf Tage geballter Fashion und Lifestyle denen der Hauptstadt selbst entsprechen, scheint irgendwie offensichtlich.
Homepage der Berlin Fashion Week
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